Lunch-Talk im März: "Resiliente Hochschulgovernance im Angesicht von Angriffen auf die Wissenschaftsfreiheit" : Datum:
Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit - auf Forschung, Lehre sowie wissenschaftlich grundierte Debatten in der Öffentlichkeit - nehmen weltweit zu. Im März-Lunchtalk berichtet Dr. Andreas Beer, wie er mit seinem Projekt ResiGov an Handlungsoptionen für Hochschulleitungen arbeitet. Einen ersten Einblick gibt er im Interview
Lieber Herr Beer, wie ist es um die Wissenschaftsfreiheit international, aber auch in Deutschland bestellt?
Das Thema Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit hat ja in der Vergangenheit immer wieder Konjunktur gehabt. Wenn man zum Beispiel 10 bis15 Jahre zurückschaut, gab es eine sehr intensive Debatte zu Tierversuchen, erste Diskussionen über anonyme Diffamierungen im Internet – etwa über Blogs, auf denen Lehrende von Studierenden angegangen worden sind. Aber spätestens mit der ersten Amtszeit von Donald Trump hat sich weltweit strukturell viel verändert, man kann fast von einem Kipppunkt sprechen. Der Academic Freedom Index von 2025 zum Beispiel identifiziert 34 Länder und Gebiete, in denen die akademische Freiheit im Vergleich zu vor zehn Jahren statistisch signifikant und substanziell zurückgegangen ist. Darunter auch Demokratien wie Argentinien, Finnland, Griechenland, Israel, Portugal oder eben die Vereinigten Staaten. Nur acht Länder konnten eine Zunahme der akademischen Freiheit verzeichnen.
Aus welchen unterschiedlichen Richtungen kommen die Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit?
Wissenschaftsfreiheit ist ein sehr vielschichtiger Untersuchungsgegenstand. Geht es um Forschungsfreiheit, geht es um Lehrfreiheit, geht es um die öffentlichen Äußerungen von Wissenschaftler*innen oder die institutionelle Autonomie von Wissenschaftseinrichtungen? Schon da ist mit Hinblick auf Gefährdungen und mögliche Gegenmaßnahmen eine Unterscheidung wichtig. Was es in Deutschland tatsächlich schon seit längerer Zeit gibt, sind Diskussionen um Tierversuche und Diffamierungen oder das Stören von Lehrveranstaltungen. Was sich geändert hat, ist, dass die Wissenschaftsfreiheit an manchen Stellen strukturell gefährdet zu sein scheint, z.B. durch eine mutmaßlich übermäßige projektförmige Finanzierung von Forschung und besonders, weil liberale Freiheiten gesamtgesellschaftlich unter Druck gesetzt werden. In der Türkei etwa sind seit dem Putsch 2016 viele Freiheiten abgeschafft worden – auch innerhalb der EU gibt bzw. gab es mit Ungarn und Polen breit diskutierte Fälle. So etwas wirkt sich auch stark auf die Arbeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus. Aktuell arbeiten wir in der ersten Phase des Projekts daran, die unterschiedlichen Bedrohungen und Angriffe zu typologisieren, indem wir uns wissenschaftspolitische Berichterstattung in Deutschland und international anschauen. Wann wird von einem Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit gesprochen? Was für Instrumente oder Ressourcen kommen zum Einsatz? Welche Akteure sind beteiligt? Wer sind die Betroffenen? Wer steht den Betroffenen bei? Was sind Gegenmaßnahmen, die ergriffen wurden? Hatten die Gegenmaßnahmen Erfolg? Wir wissen aber natürlich auch, dass viele dieser Fälle intern a bearbeitet werden und nicht in der Medienöffentlichkeit auftauchen. Für eine Aufnahme solcher Fälle knüpfen wir Kontakte zu bestehenden Netzwerken, um mit Beteiligten ins Gespräch zu kommen.
Und in einem zweiten Schritt schauen Sie sich dann einzelne Fälle an?
Genau. Wir wollen möglichst unterschiedliche, aber typische Fälle destillieren und mit den Beteiligten (auch den Leitungen natürlich) in Tiefe darüber sprechen. Wie hat sich die Hochschulleitung verhalten, wie ist sie tätig geworden? Welche weiteren Unterstützergruppen wurden zu welchem Zeitpunkt angesprochen? Wenn sie nicht tätig geworden ist, was hätte sie, laut Beteiligten, tun können?
Sie legen in ihrem Projekt speziell einen Fokus darauf, wie Hochschulleitungen auf Angriffe reagieren können. Warum?
Wir nehmen wahr, dass viele Fälle von Angriffen auf die Wissenschaftsfreiheit eher auf einer Meta-Ebene diskutiert werden. Das ist natürlich auch gesamtgesellschaftlich wichtig. Aber was bedeutet das konkret für Hochschulleitungen? Wie könnten sie reagieren oder sogar agieren? Was sind gute Handlungsoptionen? Welches Vorgehen ist auf jeden Fall nicht zu empfehlen? Da gibt es bisher eher anekdotische Hinweise. Und das ist es, was wir uns im Projekt vorgenommen haben: Systematisch Handlungsoptionen für Hochschulleitungen zu erarbeiten, auf Deutschland bezogen, aber aus einem internationalen Vergleich heraus gewonnen.
Was passiert dann mit den Handlungsoptionen?
Unser Ziel ist es, sehr konkret zu arbeiten, zum Beispiel auch unterschiedliche Empfehlungen für verschiedene Hochschultypen zu entwickeln. Und dann ist es für uns zentral, die deutsche Wissenschafts- und Hochschulcommunity einzubinden, um über die Vorschläge zu diskutieren. Der Lunchtalk ist für uns eine willkommene Gelegenheit, diese Diskussion zu starten.