Erstakademiker an der Hochschule
Was passiert in Familien, wenn ein Kind als Erster studiert? Welche Rolle spielen Geld, Erwartungen und familiäre Konflikte? Und verändert ein Studium nicht nur den Lebensweg des Kindes, sondern die ganze Familie? Der Soziologe Frerk Blome erforscht diese Fragen in seinem ungewöhnlichen Forschungsprojekt BiFam: Er interviewt Erstakademikerinnen und Erstakademiker nicht einzeln, sondern gemeinsam mit ihren Eltern.
Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit sozialer Herkunft und Bildungsungleichheit. Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?
Ich arbeite seit ungefähr zehn Jahren zu Fragen von sozialer Herkunft, Klassenungleichheiten und habe über soziale Aufstiege in den Rechts- und Erziehungswissenschaften promoviert. Dafür habe ich mit Professorinnen und Professoren gesprochen, die als Erste in ihrer Familie studiert hatten. Wenn man sich mit solchen Biografien beschäftigt, landet man automatisch bei verschiedenen Statuspassagen: Schule, Studium, Promotion und später Beruf. Dadurch habe ich mich schon während meiner früheren Forschung sehr viel mit Studierenden beschäftigt. Was mich dabei zunehmend interessiert hat, war, dass soziale Herkunft an der Hochschule zwar durchaus untersucht wird, aber meist nur für einzelne Phasen. Viel Forschung zu herkunftsspezifischen Ungleichheiten konzentriert sich auf Studierende und später vielleicht auf Promovierende. Die Frage, wie soziale Herkunft akademische Laufbahnen über diese Phasen hinweg prägt, ist dagegen weniger gut untersucht.
Eine Zeitlang haben Sie sich auch mit sozialen Aufstiegen außerhalb der Wissenschaft beschäftigt.
Nach meiner Promotion bin ich nach Kassel gegangen und habe dort zunächst sogar bewusst das Thema gewechselt. Mich hat beispielsweise interessiert, wie soziale Mobilität im Handwerk funktioniert. Wenn man über ökonomischen Aufstieg spricht, darf man ja nicht automatisch davon ausgehen, dass ein Hochschulabschluss der einzige oder überhaupt der wichtigste Weg dorthin ist. Dann habe ich den Förderaufruf des BMFTR gesehen und gedacht: Vielleicht kann man noch einmal zu Studierenden zurückkehren, aber mit einer etwas anderen Perspektive. Nicht nur auf die Studierenden selbst, sondern auch auf ihre Familien.
Was hat Ihnen in der bisherigen Forschung gefehlt?
Eine Sache hat mich besonders beschäftigt: Wenn wir über soziale Herkunft sprechen, ist die Familie eigentlich immer die zentrale Bezugsgröße. Wir sprechen über Eltern, über das Elternhaus, über die Herkunftsfamilie. Gleichzeitig konzentriert sich die Forschung meistens auf die Perspektive derjenigen, die aufsteigen. Wir fragen also beispielsweise einen Erstakademiker: Wie hast du deine Familie erlebt? Was haben deine Eltern gesagt? Wie haben sie deinen Bildungsweg unterstützt oder behindert? Das ist interessant, aber dabei bleibt die Familie selbst letztlich eine Art Hintergrundfolie. Und genau da setzt unser Projekt an. Wir wollen die Familie nicht nur aus der Perspektive des Studierenden betrachten, sondern beide Seiten zusammenbringen.
Warum ist dieser Perspektivwechsel so wichtig?
In der Ungleichheitsforschung gibt es schon seit Langem den Befund, dass Bildungsaufsteigerinnen und Bildungsaufsteiger sich ihrer Herkunftsfamilie entfremden können. Sie entwachsen gewissermaßen ihrer ursprünglichen sozialen Umgebung, finden aber gleichzeitig nicht automatisch einen Platz in der akademischen Welt. In den vergangenen Jahren wurde viel darüber diskutiert. Wenn man diese Entfremdung ernst nimmt, hat sie aber mindestens zwei Seiten. Da ist auf der einen Seite die Person, die aufsteigt, und auf der anderen Seite die Familie, aus der sie kommt. Gerade in der Forschung zu Bildungsaufstiegen wissen wir inzwischen viel darüber, wie Aufsteigende ihre Familie wahrnehmen. Wie die Familie selbst diesen Prozess erlebt, bleibt dagegen weitgehend eine Leerstelle.
Oft hat also eine Seite gefehlt?
Ja. Das wird besonders deutlich, wenn man autobiografische Texte von Bildungsaufsteigern liest. Es gibt inzwischen sehr viele solcher Bücher, etwa von Annie Ernaux, Christian Baron oder Édouard Louis, die ihre Herkunftsgeschichte literarisch oder autobiografisch verarbeiten. Interessant sind dabei gerade die Reaktionen der Familien. Édouard Louis beschreibt beispielsweise, wie eng sein Verhältnis zu seiner Schwester war und wie sie auf eines seiner Bücherreagiert hat. Nachdem sie gelesen hatte, wie er über seine Familie geschrieben hatte, herrschte zwischen ihnen zunächst Funkstille. Das zeigt sehr schön, dass dieselbe Familiengeschichte offenbar sehr unterschiedlich erlebt werden kann. Für denjenigen, der aufsteigt, kann es eine Geschichte der Befreiung sein. Für andere Familienmitglieder kann dieselbe Geschichte aber als Verletzung oder als Abwertung der eigenen Lebensleistung erscheinen. Und deshalb finde ich es so interessant, beide Perspektiven gleichzeitig einzufangen.
Sie interviewen also nicht erst die Studierenden und danach die Eltern, sondern bringen sie gemeinsam an einen Tisch?
Genau. Unser Sampling-Kriterium ist, dass mindestens eine studierende Person und mindestens ein Elternteil gemeinsam am Interview teilnehmen. Im Zentrum stehen Familien, in denen die Eltern selbst nicht studiert haben. Zum Vergleich sprechen wir außerdem mit Akademikerfamilien. Wir führen familiengeschichtliche Interviews. Dabei kann es durchaus sein, dass noch ein Geschwisterkind dazukommt oder beide Elternteile teilnehmen. Bei Alleinerziehenden ist natürlich nur ein Elternteil dabei. Insgesamt ist die Konstellation also unterschiedlich. Das macht die Interviews methodisch interessant, aber auch organisatorisch anspruchsvoll. Gerade wenn die Forschung von Entfremdung spricht, muss man sich ja fragen, ob man überhaupt diejenigen Familien gemeinsam an einen Tisch bekommt, bei denen die Brüche besonders stark sind.
Das heißt, gerade die Familien, in denen der Bildungsaufstieg zu einer starken Entfremdung geführt hat, könnten für Ihr Forschungsdesign schwer erreichbar sein?
Ja, das ist eine Art Kehrseite unseres Projekts. Wir haben tatsächlich häufiger erlebt, dass Studierende gesagt haben: Ich finde das Thema superinteressant, aber könnte ich bitte ohne meine Eltern teilnehmen? Oder zunächst wollten beide teilnehmen und dann hat ein Elternteil gesagt, dass er keine Lust auf ein solches Gespräch hat. Wenn die Brüche innerhalb einer Familie sehr groß sind, bekommt man die Menschen natürlich nicht ohne Weiteres gemeinsam zu einem Interview. Das ist eine interessante methodische Herausforderung. Dazu kommen ganz praktische Probleme. Studierende ziehen für ihr Studium vielleicht von Süddeutschland nach Dortmund, die Eltern leben dann Hunderte Kilometer entfernt. Wie bekommt man alle an einen Tisch? Ich glaube, auch solche organisatorischen Gründe erklären ein Stück weit, warum Familien in der Aufstiegsforschung bislang selten gemeinsam interviewt werden.
Wie haben Sie die Familien überhaupt gefunden?
Über sehr unterschiedliche Wege. Wir haben Social Media genutzt, Instagram, interessanterweise auch Reddit und verschiedene Online-Foren. Ich bin auch selbst in Seminare gegangen und habe das Projekt vorgestellt. Eine Person aus unserem Projektteam war auf dem Campus unterwegs und hat Flyer verteilt. Wir haben eigentlich alles ausprobiert.
Sie untersuchen vier Fächer. Warum gerade diese?
Wir schauen uns Familien mit Studierenden in Sozialer Arbeit, Erziehungswissenschaften, Jura und ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen an. Dahinter steht die Überlegung, unterschiedliche Fachkulturen und unterschiedliche Grade sozialer Offenheit miteinander vergleichen zu können. Jura funktioniert habituell vielleicht anders als Soziale Arbeit. Und auch die Vorstellungen davon, was ein Studium bedeutet und wohin es führen soll, können sich unterscheiden.
Wie groß ist das Projekt?
Unser Ziel sind 104 Interviews in der ersten Förderphase. Das ist für ein qualitatives Forschungsdesign ziemlich viel.
Was passiert danach?
Die Förderlinie hat zwei Phasen. Wenn wir nach zweieinhalb Jahren positiv evaluiert werden, möchten wir aus dem Querschnittsdesign ein Längsschnittdesign machen. Dann würden wir etwa drei Jahre nach dem ersten Interview mit denselben Familien noch einmal sprechen. Das wäre für uns besonders interessant, weil wir dann Hochschulsozialisationsprozesse tatsächlich über die Zeit verfolgen könnten.
Wie sieht so ein Interview konkret aus?
Am Anfang steht eine offene Erzählaufforderung. Dann kommt zunächst eine relativ lange Stegreiferzählung. Manche Personen reden anderthalb Stunden, bevor wir überhaupt richtig mit unseren Fragen beginnen. Es gibt Interviews, in denen wir nach der Eingangserzählung eigentlich kaum noch zu unseren eigenen Fragen kommen. Die Menschen reden dann zwei oder drei Stunden über ihre Familiengeschichte.
Was hat Sie in den ersten Interviews besonders überrascht?
Inhaltlich hat mich überrascht, wie groß die Bedeutung ökonomischer Fragen ist. Nicht, weil ich gedacht hätte, Geld spiele keine Rolle. Aber die Forschung hat sich in den vergangenen Jahren sehr stark auf kulturelles Kapital konzentriert: auf Sprache, Bildungswissen, Habitus, darauf, wie Familien mit Bildung umgehen. In unseren Interviews tauchen dagegen sehr konkrete ökonomische Probleme auf. Wir wissen seit Jahren, dass die Mieten in vielen Hochschulstädten hoch sind. Einige unserer Studierenden wohnen deswegen relativ ländlich und studieren in Dortmund. Sie bleiben bei ihren Eltern wohnen und sparen dadurch Geld, haben dafür aber vielleicht zwei Stunden Fahrt pro Strecke. Dann stellt sich die Frage: Fahre ich für eine zweistündige Veranstaltung vier Stunden mit der Bahn? Gerade wenn der öffentliche Nahverkehr unzuverlässig ist, wird das zu einer ganz konkreten Frage der Studienorganisation, in der sich soziale Ungleichheit zeigt.
Sie haben außerdem etwas anderes beobachtet, womit Sie nicht unbedingt gerechnet haben: Konflikte in den Interviews selbst.
Ja. Ich hätte gedacht, dass die gemeinsame Interviewsituation stärker harmonisiert. In der Methodenliteratur wird ja häufig diskutiert, dass Menschen sich in Gegenwart anderer möglicherweise sozial erwünscht verhalten und Konflikte eher herunterspielen. Das sehen wir durchaus auch. Aber gleichzeitig gibt es erstaunlich viel Dissens. Wir hatten beispielsweise ein Interview, in dem es stark darum ging, dass der Vater sehr viel Druck auf den Bildungserfolg ausgeübt hatte und sehr kontrollierend war. Der Student hat dann irgendwann gesagt: Du musst mir auch mal vertrauen. In zwei oder drei Interviews wurde ich auch direkt aufgefordert, mich zu positionieren. Eine Mutter fragte mich beispielsweise: Was würden Sie denn machen?
Wie homogen ist denn diese Gruppe der „First Generation“-Studierenden?
Die ist unglaublich heterogen. Es gibt Personen, deren Eltern selbst keinen Schulabschluss haben, vielleicht lange arbeitslos waren und mit Hochschule überhaupt keine Erfahrung haben. Es gibt aber auch Familien, in denen beide Eltern Abitur gemacht und eine Berufsausbildung absolviert haben, vielleicht gut verdienen, aber eben selbst keinen Hochschulabschluss besitzen. Die ökonomischen Bedingungen, die Familiengeschichten und die kulturellen Ressourcen können extrem unterschiedlich sein.
Das gilt vermutlich auch für Akademikerfamilien, die Sie zum Vergleich untersuchen.
Absolut. Auch dort gibt es enorme Unterschiede. Wenn die Mutter beispielsweise Soziale Arbeit studiert hat und in diesem Bereich arbeitet, ist das eine völlig andere soziale Situation als in einer Familie, in der beide Eltern Juristen sind.
Ist ein Hochschulabschluss überhaupt automatisch sozialer Aufstieg?
Das ist eine sehr wichtige Frage. Wir haben beispielsweise Fälle, in denen die Mutter Erzieherin ist und das Kind später Soziale Arbeit oder Erziehungswissenschaften studiert. Dann kann man fragen: Ist das tatsächlich sozialer Aufstieg? Oder ist es eine Art Reproduktion dessen, was die Eltern gemacht haben, nur auf einem höheren Bildungsniveau, weil solche Berufsfelder zunehmend akademisiert werden? Bildungsmobilität ist deshalb nicht automatisch soziale Mobilität. Wenn beispielsweise ein Facharbeiter in der Automobilindustrie eine Tochter hat, die Soziale Arbeit studiert, kann das auf der Bildungsebene ein Aufstieg sein. Ökonomisch kann es aber durchaus ein Abstieg sein.
Sie stehen mit Ihrem Projekt noch relativ am Anfang. Was wäre für Sie am Ende ein besonders spannendes Ergebnis?
Mich interessiert, welche Geschichten die Familien selbst erzählen und welche Muster sich daraus ergeben. Vielleicht entdecken wir Dinge, die wir bisher überhaupt nicht erwartet haben. Besonders spannend wird natürlich der Vergleich zwischen den verschiedenen Fachkulturen und zwischen Erstakademiker- und Akademikerfamilien. Und wenn wir später tatsächlich dieselben Familien noch einmal interviewen können, kommt eine zeitliche Dimension hinzu. Dann könnte man vielleicht noch stärker erkennen, wie der Bildungsaufstieg Familien verändern kann.