„Der defizitäre Blick wurde aufgelöst“
Auf Grundlage der Ergebnisse der Förderlinie Studienerfolg und Studienabbruch II haben Prof. Dr. Kerstin Mayrberger und Prof. Dr. Isabel Steinhardt zehn Handlungsperspektiven zum Studienerfolg und Studienabbruch, zusammen mit den geförderten Projekten, entwickelt. Die Handlungsperspektiven richten sich an Akteure in Bildungspolitik und Praxis sowie Ansprechpersonen für Lehre und Studium in den Hochschulen. Im Interview stellt Isabel Steinhardt einige der Handlungsperspektiven vor – und erklärt, wie sich der Blick auf den Studienabbruch wandelt.
Frau Steinhardt, wie sind diese Handlungsperspektiven zustande gekommen?
Kerstin Mayberger und ich waren Teil des Begleitgremiums der Förderlinie Studienerfolg und Studienabbruch II. Die Abschlusstagung haben wir damals dazu genutzt, partizipativ und sehr diskursiv mit den Projekten ins Gespräch zu kommen. Die Projekte selbst hatten Handlungsperspektiven entwickelt, die wir auf der Tagung diskutiert und gesammelt haben. Nach der Abschlusstagung ist das BMFTR dann mit der Bitte auf uns zugekommen, aus diesen Aspekten zusammenfassende Handlungsperspektiven zu entwickeln.
Wie hat die konkrete Arbeit an den Handlungsperspektiven ausgesehen?
Wir haben die Ergebnisse, die aus den Projekten kamen, systematisiert. Anschließend haben wir einen Workshop mit den Projekten aus der Förderlinie durchgeführt, auf dem wir die systematisierten Handlungsperspektiven aufgezeigt und intensiv mit den Projekten diskutiert haben. Am Ende haben sich dann diese zehn Perspektiven herauskristallisiert. Wichtig war uns, dass wir uns nicht in den Einzelheiten der Projekte verlieren, sondern einen Überblick geben, der für Hochschulen oder die Politik hilfreich sein kann.
Wenn wir uns die Ausgangslage anschauen: Wo stehen wir da in Sachen Studienerfolg und Studienabbruch?
Wir sehen, dass Studienabbruch in den letzten zehn Jahren kaum rückläufig ist. Es gab ja auch schon eine erste Förderlinie, die sehr stark auf die einzelnen Aspekte von Studienabbruch gezielt hat. Diese zweite Förderlinie hat jetzt eher in den Fokus gerückt, nochmal mit einem anderen Blickwinkel auf den Abbruch zu schauen. Studienabbruch ist nicht immer nur defizitär, sondern kann auch eine Entwicklungsmöglichkeit sein. Das wurde in den Projekten sehr deutlich. Aber natürlich sehen wir immer noch, dass Erstakademikerinnen und Erstakademiker oder Studierende mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen häufiger ihr Studium abbrechen. Da gilt es, die Faktoren zu identifizieren, die Benachteiligung und Ungleichheit verstärken.
Die ersten vier Handlungsempfehlungen drehen sich um die Studieneingangsphase. Was sind da die zentralen Aspekte?
Es geht zum Beispiel zu Beginn um die Frage, wie schon vor Studienbeginn die Kooperation zwischen Schule und Hochschule besser funktionieren kann, dass Hochschulen sich während der Entscheidungsfindung etwa stärker als Lotsen verstehen. Nach der Entscheidung ist es wichtig, dass es eine verbindliche Studieneingangsphase gibt, weil es sich zeigt, dass die Eingebundenheit und vor allem das Wissen über den Studiengang relevante Faktoren für den Studienerfolg sind.
Viele Hochschulen haben schon Programme, die den Studienabbruch verhindern sollen. Welchen Einfluss haben diese Programme?
Es gibt tatsächlich sehr viele Angebote der Hochschulen. Diese Angebote sind aber oft nicht curricular verankert, die Curricula sind auch wenig flexibel. Hier bräuchte es eine stärkere Flexibilisierung. Zudem ist es so, dass wirksame Angebote, die schon getestet sind, oft nicht verankert oder in andere Hochschulen transferiert werden. Für diesen Wissenstransfer sollte es stärkere Mechanismen geben.
Wenn es dann doch zum Abbruch kommt: Mit welcher Perspektive sollte man auf diesen Abbruch schauen?
Wir sehen, dass es immer noch als defizitär betrachtet wird, wenn ein Studienabbruch erfolgt. Im Sinne des lebenslangen Lernens sollte man aber auch die kurzen Phasen, die Studierende an Hochschulen verbringen, als Lernerfahrung verbuchen – und dadurch auch die Rückkehr an die Hochschule ermöglichen.
Gibt es eine Handlungsperspektive, die sie besonders überrascht hat? Oder die Ihnen besonders wichtig ist?
Wichtig finde ich tatsächlich, dass dieser defizitäre Blick aufgelöst wurde. Das ist aus meiner Perspektive als Ungleichheitsforscherin sehr relevant, weil sich dadurch der Blick auf die Studierenden verändert: Sie werden nicht mehr als gescheitert betrachtet, sondern in ihrer persönlichen Entwicklung ernstgenommen. Gerade in Zeiten, in denen sich der Studienabbruch kaum verringert, sollten wir den Blick darauf verändern, was Studienabbruch eigentlich bedeutet und dabei stärker die positiven Aspekte in den Blick nehmen – nämlich, dass Studierende sich frühzeitig, und das ist relevant, umorientieren und einen Lebensweg einschlagen, der besser zu ihren Interessen passt.
Gibt es für Sie weiterhin Leerstellen in der Forschung?
Ja, definitiv. Wir sind noch nicht am Ende angelangt. Natürlich könnte Künstliche Intelligenz eine große Rolle spielen. Und es stellt sich die Frage, wie wir es schaffen, dass wir gute Konzepte und Angebote auch unter den Hochschulen besser transferieren. Da würde ich mir noch mehr Forschung und Förderung wünschen.
Über Isabel Steinhardt
Prof. Dr. Isabel Steinhardt ist Bildungssoziologin an der Universität Paderborn und forscht und lehrt zu sozialer Ungleichheit, Digital Divide, Digitalitisierung, Digitalität und künstlicher Intelligenz, Qualitätssicherung und Wissenstransfer in der Hochschulbildung sowie zu qualitativen Methoden.