Lunch-Talk: Institutionelle Hürden bei Studienentscheidungen - soziale Ungleichheit, Zulassungsverfahren und ihre Folgen
Über die Zulassungsverfahren an deutschen Hochschulen und ihre Auswirkungen auf soziale Ungleichheit ist wenig bekannt. Prof. Florian Hertel möchte das mit der BMFTR-geförderten Nachwuchsforschungsgruppe ACCESS ändern. Im Interview berichtet er von ersten Ergebnissen.
Lieber Herr Hertel, Sie beschäftigten sich schon lange mit dem Thema der sozialen Ungleichheit. Wie sind auf die Idee gekommen, die soziale Ungleichheit in Zusammenhang mit Zulassungsverfahren an Hochschulen zu betrachten?
Zum einen lässt sich das tatsächlich ein Stück weit mit meiner Vita erklären. Ich selbst bin in Berlin-Neukölln auf eine Schule gegangen, in der es einen sehr hohen Anteil von Menschen aus eher unteren Klassenlagen gab. Da habe ich nah erlebt, wie ungleich die Vorstellungen zur eigenen Zukunft sind - genau wie die Möglichkeiten, diese Vorstellungen zu realisieren. Das hat mich also eigentlich schon immer begleitet. Zum anderen habe ich gemerkt, wie die Zulassungsverfahren zum Studium fast jeden Herbst zum Thema werden, etwa, weil Medien über die Ängste junger Menschen berichten, sich im Wettbewerb um einen Studienplatz nicht durchsetzen zu können. Dabei ist mir aufgefallen, dass wir über die Zulassungsverfahren selbst kaum etwas wissen, es gibt nur sehr wenig Forschung – und das, obwohl die Zulassungsverfahren immer wichtiger werden: Aktuell erreicht fast die Hälfte eines Geburtenjahrgangs die Studienberechtigung.
Wie sehen die Zulassungsverfahren an deutschen Hochschulen denn grundsätzlich überhaupt aus?
Das Zulassungsverfahren zu einem Studium beginnt zunächst in den allermeisten Fällen mit dem Erwerb der allgemeinen oder fachgebundenen Hochschulzugangsberechtigung. Erst diese erlaubt den Zugang zur Hochschule in Deutschland. Je nach Studiengang können neben dem (Fach-)Abitur Sprachfähigkeiten oder andere obligatorischen Zusatzqualifikationen relevant werden. Danach kommt es darauf an, ob Studienberechtigte eines der bundesweit zulassungsbeschränkten Fächer Zahn-, Veterinär- bzw. Humanmedizin oder Pharmazie studieren wollen oder sich für einen anderen Studiengang entscheiden. Diese Studiengänge können örtlich zulassungsbeschränkt sein, wenn die Studienplatznachfrage über dem durch die Kapazitätsverordnung festgelegte Studienplatzangebot liegt. Ist ein Studiengang zulassungsfrei, können sich interessierte Bewerbende direkt einschreiben.
Ansonsten müssen die Hochschulen auswählen.
Genau. Bei den zulassungsbeschränkten Studiengängen spielen die über Staatsverträge, Hochschulgesetz und Landesverordnungen normierten Zulassungskriterien eine große Rolle. Die Bewerbenden geben im Rahmen ihrer Bewerbung Informationen zu den von den Hochschulen festgelegten Auswahlkriterien an, die dann je nach Kriterium benutzt werden, um eine Rangordnung zu erstellen. Entsprechend der Anzahl der Plätze, die über die einzelnen Kriterien (Quoten) vergeben werden, werden dann Studienplätze den Bewerbenden angeboten. In einem mehrstufigen Verfahren werden zudem Nachrücker bestimmt für die Ablehnungen. Das Verfahren ist damit allerdings nicht umfassend beschrieben, da es Boni für bestimmte Eigenschaften (z.B. einen Jugend Forscht Preis oder den Abschluss an einer bestimmten Schule gibt) gibt, Vorabquoten für spezifische Bewerbendengruppen (etwa soziale Härtefälle, Bundeswehrangehörige oder Personen, die sich verpflichten, nach ihrem Studium zunächst auf dem Land zu arbeiten), aber auch nachrangige Kriterien zur Auswahl gleichrangiger Bewerbungen (z.B. FSJ, Zivil- oder Wehrdienst). Das System der Studienplatzauswahl ist also beliebig kompliziert und unterscheidet sich zwischen Studiengängen und auch Studienstandorten.
Wie viel wissen wir denn über dieses System der Studienplatzauswahl?
Über das tatsächliche Auswahlverfahren im Einzelnen wissen wir bislang tatsächlich neben dieser schematischen Beschreibung eher wenig. Gerade bei den örtlich vergebenen Studiengängen fehlen uns in den überwiegenden Fällen die Daten. Diese machen allerdings 96 Prozent der Studiengänge aus. Wir wissen also meistens gar nicht, welche Kriterien für die Auswahl genutzt wurde, welche Noten oder andere zulassungsrelevanten Qualifikationen die Bewerbenden hatten, wir wissen auch nicht, wie sich Bewerbende und Ausgewählte nach dem Hintergrund der Eltern unterscheiden. Manche dieser Daten liegen den Hochschulen vor, sie werden aber eben nicht zentral gesammelt.
Und das haben Sie jetzt mit Ihrem Projekt zu ändern versucht.
Ja. Wir haben von der Hochschulrektorenkonferenz eine Erhebung zu allen Studiengängen in Deutschland bekommen. Diese Daten haben wir verbunden mit Individualdaten von Studienberechtigten, die das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung erhebt. Das DZHW fragt dafür Menschen mit einer Hochschulzugangsberechtigung sechs Monate vor und nach dem Abitur und dann nach einigen Jahren erneut nach ihren Bildungswünschen und -entscheidungen nach dem Abschluss. Und wir wollten schauen: Wofür haben sich Menschen aus unterschiedlicher sozialer Herkunft entschieden und welche Rolle spielten dabei die Zulassungsverfahren?
Was ist Ihnen aufgefallen?
Eine Hypothese, die wir entwickelt haben, ist die der herkunftsspezifischen Verdrängung. Das heißt, dass bei höherem Zulassungswettbewerb und einer begrenzten Anzahl von Studienplätzen die Menschen, die weniger Ressourcen haben, von den Menschen verdrängt werden, denen mehr Ressourcen im Wettbewerb um die Studienplätze zur Verfügung stehen. Ressourcen können ökonomischer Natur sein, aber auch Wissen über den Zulassungsprozess. Interessant ist auch, dass für Menschen aus den oberen Klassenlagen der Hochschulbildungserwerb sehr wichtig ist, um die Statusposition der Eltern reproduzieren zu können. Im Wettbewerb um die Zulassung heißt das für diese Menschen, dass sie eher auf ihr Wahlstudienfach verzichten, um dennoch studieren zu können. Für Menschen aus benachteiligten Elternhäusern ist die Statusreproduktion weniger wichtig. Hier ist die Fachpräferenz entscheidender. Das bedeutet: Jemand, der Medizin studieren möchte, aber keinen Studienplatz erhält, entscheidet sich danach vielleicht eher für eine Ausbildung in diesem Bereich. Das lässt sich in unseren Daten jetzt zum ersten Mal beobachten.
Welche Rolle spielt die soziale Ungleichheit bei dem Wettbewerb um einen Studienplatz noch?
Wir wissen, dass Menschen aus privilegierten Elternhäusern in der Regel auch die besseren Schulnoten haben. Und weil die Schulnote in vielen Fällen als Prädikator für den Studienerfolg benutzt werden, spielen sie eine große Rolle in Auswahlverfahren. Entsprechend haben Menschen aus kulturell und ökonomisch privilegierten Familien grundsätzlich größere Chancen auf ihr Wunschfach. Aufgefallen ist uns, dass wir selbst, wenn wir den Einfluss der Noten rausrechnen, einen signifikanten Unterschied zwischen privilegierten und benachteiligten Familien finden. Im Zulassungsverfahren setzt sich also – bei der gleichen Note – immer noch eher jemand aus einer privilegierten Familie durch. Prinzipiell ist das ein Problem, weil wir davon ausgehen würden, dass wir - wenn wir ein gerechtes System der Studienauswahl haben - diesen Unterschied zwischen privilegierten und benachteiligten jungen Menschen vollständig durch die Note erklären könnten. Aber so ist es nicht. Und das hat natürlich auch eine gesellschaftliche Wirkung, zum Beispiel in der Medizin, wo wir eine Unterversorgung in prekären und finanziell für Ärzte und Ärztinnen weniger attraktiven Stadtteilen sehen können.
Haben Sie eine Erklärung für diesen Unterschied?
Die Erwägung der Kosten spielt eine große Rolle bei der Realisierung eines Studiums, aber auch der Realisierung eines Wunschstudienfachs. Dazu haben privilegierte Familien Wissensvorteile: An welchen vielleicht weniger beliebten Standorten habe ich die beste Chance, mein Fach trotz einer schwächeren Abiturnote zu studieren? Wie läuft der Zulassungsprozess überhaupt? Ist es strategisch sinnvoll, zunächst eine Ausbildung abzuschließen und kann meine Familie mich finanziell unterstützen? Und dann gibt es mittlerweile ja sogar Beratungsunternehmen, die für mehrere tausend Euro die Hochschulbewerbungsstrategien von jungen Menschen entwickeln oder unterstützen. Im Extremfall kann auch ein extrem teurer Medizinstudienplatz an einer privaten Hochschule im In- und Ausland gewählt werden. Diese Optionen können sich natürlich nur wenige Familien leisten.
Viele Fragen hat Ihr Projekt jetzt zum ersten Mal beantwortet. Was bleibt offen für Sie?
Für mich wäre es tatsächlich wichtig, mehr Daten zu sammeln. Bei der Bewerbung zum Beispiel zu fragen: Was ist der Beruf ihres Vaters, ihrer Mutter, welchen Bildungsstand haben die beiden? In skandinavischen Ländern werden die Daten aus den amtlichen Registern so verknüpft, dass die sozioökonomische Position von Studienplatzbewerbenden eindeutig zuzuordnen ist. Als Sozialwissenschaftler ist das immer ein wenig frustrierend, wenn man merkt, es gibt diese Ungleichheit, das ist ja auch eine Alltagserfahrung. Aber dann braucht es zunächst diesen riesigen Aufwand, das empirisch zu zeigen, obwohl die Hochschulen viele dieser Daten bereits vorliegen haben oder auch im Prozess der Bewerbungen sammeln und anonym für Forschungs- und Berichtzwecke verwenden könnten.
Vita:
Florian Hertel ist seit Anfang 2023 Professor für Quantitative Methoden der empirischen Sozialforschung und Sozialstrukturanalyse an der Europa-Universität Flensburg. Hertel erforscht schwerpunktmäßig die Ursachen und Folgen sozialer Ungleichheit. Dabei bezieht er sich vor allem auf intergenerationale Klassen- und Bildungsmobilität und deren Folgen für gesellschaftliche Durchlässigkeit, politische Radikalisierung und Vorstellungen gesellschaftlicher Konflikte. Darüber hinaus interessiert er sich für methodische Fragen in Bezug auf die Messung von Ungleichheit. Seit 2021 leitet Hertel die Nachwuchsforschungsgruppe ACCESS. Sie wird mit 1,87 Millionen Euro vom BMFTR gefördert. Gemeinsam mit zwei Doktorand*innen und einem PostDoc untersucht Hertel darin bis 2026 die Frage, welche Rolle Zulassungsverfahren für die Entstehung sozialer Ungleichheit bei Hochschulzugang und Studiengangwahl spielen. Die Nachwuchsforschungsgruppe ist an der EUF am International Centre for European Studies (ICES) angesiedelt. Studiert hat Hertel von 2002 bis 2009 an der Freien Universität Berlin und der Universität Glasgow Klassische Archäologie, Osteuropastudien, Politologie, Volkswirtschaftslehre und Soziologie. 2015 hat er an der Bremen International Graduate School of Social Sciences (BIGSSS) mit einer Arbeit zum Thema "Social Mobility over the course of the 20th century in Germany and the United State" promoviert. 2016 war er Max-Weber Fellow am renommierten Europäischen Hochschulinstitut in Florenz.
Mehr zu Zulassungsverfahren und sozialer Ungleichheit gibt es in der Aufzeichnung des Lunchtalks vom 10. Oktober 2025.