„Wissensproduktion und Wissenschaftskommunikation in einer sich verändernden Arbeits- und Lebenswelt“

Call for Papers für die 14. Jahrestagung der Gesellschaft für Hochschulforschung

Hochentwickelte Gesellschaften erleben einen Transformationsprozess in Richtung einer zunehmenden Wissensbasierung gesellschaftlicher Reproduktionsprozesse, mithin in Richtung einer Wissensgesellschaft. Wissensgesellschaften sind dadurch gekennzeichnet, dass Wissen zum wichtigsten Organisationsprinzip wird und dass die Gestaltung gesellschaftlicher Entwicklungen auf der Basis von Wissen bewusst initiiert und gesteuert wird. Wissenschaftlichem Wissen kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, weil es wie kaum eine andere Wissensressource (also beispielsweise alltagsweltliches Erfahrungswissen) für rational basierte Steuerungsentscheidungen genutzt werden kann, sofern Übersetzungskompetenz für den Wissenschaftstransfer vorhanden ist.

Zugleich geraten Hochschulen (oder vielmehr das Wissenschaftssystem allgemein) unter Konkurrenzdruck. Dieser speist sich aus verschiedenen Quellen, die ihrerseits mit gesellschaftlichen Entwicklungstrends verknüpft sind:

  • Die Digitalisierung erleichtert die Verfügbarkeit von und den Zugang zu wissenschaftlichem Wissen. Dieses wird für ein größeres, auch außerwissenschaftliches Publikum nutzbar und durch dieses überprüfbar. Zu beobachten ist eine stärkere Teilnahme der Öffentlichkeit an wissenschaftlichen Diskursen. Im Ergebnis ist auch eine steigende Skepsis gegenüber der Autorität des Wissenschaftssystems als alleiniger Quelle gültigen Wissens zu beobachten. Wissenschaft muss neue Wege finden, die Relevanz ihrer Methoden und Regeln für die Erkenntnisgewinnung wirkungsvoll in die Gesellschaft zu kommunizieren.
  • Hinsichtlich der wissenschaftlichen Arbeitsweisen in Forschung und Lehre ist die Digitalisierung als „game changer“ zu bezeichnen. Neue Möglichkeiten der Datenerhebung und –analyse werden für viele Wissenschaftsdisziplinen eröffnet und beeinflussen die Reichweite von Forschung (im Sinne ihrer Erkenntnismöglichkeiten und -methoden) als auch die Generierung von neuen Forschungsfragen. In der akademischen Bildung können die Möglichkeiten der Digitalisierung genutzt werden, um diese für ein sozial breiter gestreutes Publikum zu öffnen.
  • Bedingungen für die Wissensproduktion selber verändern sich ebenfalls. Angesichts komplexer Problemlagen (z.B. „grand challenges“, wie Klimawandel und Demographie) gerät die traditionelle Organisation der Wissenschaft in Form (mono-)disziplinärer Diskurse sowie in Form innerwissenschaftlicher Kommunikation über die Gültigkeit von Erkenntnissen, zunehmend unter Druck. Interdisziplinäre Forschung und Forschung unter Einbeziehung außerwissenschaftlichen Expertenwissens (Transdisziplinarität) gewinnen demgegenüber an Bedeutung. Mithin ist das Wissenschaftssystem mit Fragen zur Relevanz seiner Vorgehensweisen konfrontiert.
  • Fragen nach der Relevanz wissenschaftlicher Methoden sind umso dringlicher, als wissenschaftliches Wissen sich dem Vorwurf ausgesetzt sieht, aufgrund seiner prinzipiellen Vorläufigkeit und Anfechtbarkeit nur begrenzt handlungsleitend zu sein. Ungeachtet des aus wissenschaftstheoretischer Sicht identitätsstiftenden Charakters von Vorläufigkeit und Anfechtbarkeit wissenschaftlichen Wissens, ist dieser möglicherweise eine Quelle für Akzeptanz- und Legitimationsverlust. Es stellt sich die Frage, ob die in der letzten Zeit beobachtbaren Aktivitäten von Hochschulen zu einer stärkeren Betonung der „third mission“ (Wissenstransfer, gesellschaftlicher Impact von Wissenschaft) als Reaktion auf diese Entwicklung zu interpretieren ist.
  • Weitere veränderte Rahmenbedingungen sind in einer steigenden Wettbewerblichkeit des Wissenschaftssystems und gestiegener institutioneller Entscheidungsautonomie durch die Einführung neuer Steuerungsmodelle zu sehen. Einhergehend mit gestiegener Autonomie stehen Akteure im Wissenschaftssystem unter steigendem Legitimationsdruck hinsichtlich ihrer Leistungen, mit Auswirkungen auf ihr Handeln zwischen Profilierung und strategischer Anpassung einerseits und „Fassadenmanagement“ und opportunistischer Anpassung andererseits.

Diese - teils zeitdiagnostisch beschriebenen, teils von der Hochschulforschung bereits systematisch untersuchten - Entwicklungstrends lassen sich in einer Mehrebenenstruktur abbilden, aus der sich konkrete Fragestellungen zu den verschiedenen Leistungsbereichen des Wissenschaftssystems ergeben:

  • Gesellschaftliche Megatrends, wie die Digitalisierung, aber auch soziale Prozesse, wie eine sinkende Komplexitätstoleranz in der Gesellschaft gegenüber wissenschaftlicher Erkenntnis, können als rahmengebende Makroebene verstanden werden, auf der sich das Wissenschaftssystem insgesamt entwickelt (in organisatorischer, wie epistemologischer Hinsicht).
  • Die institutionellen Rahmenbedingungen für einzelne Institutionen und Wissenschaftseinrichtungen (Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen) können als die Mesoebene aufgefasst werden, auf der veränderte Governancestrukturen und Steuerungsmodelle wirksam werden und externe Entwicklungen (auf der Makroebene) Einfluss nehmen.
  • Individuelle Handlungsweisen von einzelnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie weiterer Hochschulangehöriger (bspw. des „third space“ sowie Studierender) zum Umgang mit veränderten (externen und institutionellen) Rahmenbedingungen können als Mikroebene interpretiert werden. Hier sind individuelle und organisationale Lernprozesse und Anpassungsleistungen an veränderte Rahmenbedingungen von Interesse.

Die Hochschulforschung reflektiert Anpassungsbedarfe des Wissenschaftssystems an veränderte Umweltbedingungen auf den verschiedenen Ebenen sowie die Herausforderungen für bestehende Handlungsroutinen im Wissenschaftsbetrieb. Die Jahrestagung der Gesellschaft für Hochschulforschung 2019 in Magdeburg will den Stand der Diskussion zum Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft beleuchten. Zur Präsentation bei der Tagung sind konzeptionelle, theoretische und empirische Beiträge willkommen, die Entwicklungen in den Leistungsbereichen des Wissenschaftssystems (Forschung, Lehre/Studium, Transfer, Wissenschaftsmanagement) thematisieren und dabei eine (oder mehrere) der genannten Ebenen (Makro-, Meso-, Mikroebene) einbeziehen. Die Tagung wird in fünf Tracks gegliedert sein:

Track 1 - Transformationen in der Forschung: Wie entwickelt sich das Verhältnis zwischen der Gesellschaft und dem Wissenschaftssystem? Was kann/muss das Wissenschaftssystem tun, um die gesellschaftliche Akzeptanz wissenschaftlicher Verfahrensweisen zur Herstellung gültigen Wissens zu sichern? Welche Voraussetzungen erfordert die Übersetzung wissenschaftlicher Ergebnisse in strategisches Handeln? Welche Kommunikationsformen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft sind hierfür förderlich?

Track 2 - Transformationen in Studium und Lehre: Wie wirken sich gesellschaftliche Transformationen auf die Organisation der akademischen Lehre aus, wie entwickeln sich Qualifikationserwartungen und Qualifizierungswege unter dem Eindruck der digitalen Revolution? Welche Herausforderungen bringen diese für die Gestaltung von Studium und Lehre mit sich, etwa hinsichtlich konstitutiver Merkmale akademischer Bildung, wie Diskurs, Streit, Überprüfbarkeit von Wissen? Welchen Stellenwert haben Fachwissen, Schlüsselqualifikationen und fachübergreifendes Wissen und in welchem Verhältnis stehen sie zueinander im Studium?

Track 3 - Transformationen in third mission und Wissenstransfer: Wie kann das Wissenschaftssystem auf den Anspruch der Öffentlichkeit reagieren, unmittelbarer an der Produktion von und der kritischen Diskussion über Wissen beteiligt zu werden? Wie können sinkende Komplexitätstoleranz und die missbräuchliche Nutzung von Wissen („fake news“) wirkungsvoll adressiert werden? Wie kann das Wissenschaftssystem seine Rolle als Produzent von steuerungsrelevantem Wissen in komplexen gesellschaftlichen Prozessen erhalten?

Track 4 - Transformationen im Wissenschaftsmanagement (Selbstverwaltung und Governance): Wie kann das Wissenschaftssystem mit steigendem Erwartungsdruck der Öffentlichkeit hinsichtlich seiner Leistungsfähigkeit und Leistungstransparenz umgehen? Inwieweit verändert sich diese Diskussion durch gesellschaftliche Transformationsprozesse und wie kann das Wissenschaftssystem die entsprechenden Entwicklungen für sich nutzen (bspw. im Sinne erleichterter Kooperation und Kommunikation)?

Track 5 – Open Track: Mit diesem Teil der Tagung möchten wir Beiträgen die Möglichkeit zur Präsentation geben, die nicht im unmittelbaren Kontext des Tagungsthemas anzusiedeln sind, aber für die derzeitigen Diskussionen in der Gesellschaft relevant sind. Wünschenswert ist gleichwohl, dass ein Bezug zum Tagungsthema im weiteren Sinne hergestellt wird.

Track 6 – Englischsprachiger Track: In diesem Track sind Beiträge willkommen, die in englischer Sprache präsentiert werden. Thematisch können diese die Schwerpunkte der Tracks 1-4 aufgreifen.

 

Beiträge können als Vortrag oder als Poster präsentiert werden. Wir erbitten Einreichungen über unsere Tagungshomepage www.gfhf2019.ovgu.de mit einem Abstract von max. 500 Worten unter Angabe des Tracks, auf den sich der Beitrag bezieht. Einreichungen sind bis zum 19. Oktober 2018 möglich. Je AutorIn können maximal zwei Beiträge eingereicht werden. Rückmeldungen über die Annahme einer Einreichung werden voraussichtlich bis zum 14. Dezember 2018 erteilt. Die Abstracts sollen folgende Punkte beinhalten:

  • Forschungsfrage(n) und Relevanz
  • Theoretischer Rahmen
  • Methodisches Vorgehen und Datengrundlage (bei empirischen Arbeiten)
  • (zu erwartende) Ergebnisse.

Wir freuen uns auf Ihre Beteiligung.

Das lokale Organisationsteam für die Konferenz: Prof. Dr. Philipp Pohlenz, Claudia Wendt, Sylvia Knobloch; Kontakt für Rückfragen zum Call unter gfhf2019@ovgu.de

Informationen über die Gesellschaft für Hochschulforschung finden Sie unter www.gfhf.net