Wechselwirkungen von Technik und Diversität ergründen

Torsten Heinemann

Torsten H. Voigt wurde Mitte des Jahres auf den Lehrstuhl für „Technik und Diversität“ an der RWTH Aachen berufen. Zuvor war er Juniorprofessor für Soziologie an der Universität Hamburg und Marie Curie Fellow der University of California, Berkeley. In seiner Forschung beschäftigt sich Voigt mit den Wechselwirkungen von Technik und Diversität mit einem Fokus auf den sozialen und politischen Implikationen von Biomedizin und -technik.

WiHo-Redaktion: Wie würden Sie das Profil Ihrer Professur mit Blick auf die Forschung beschreiben? 
Torsten H. Voigt: Das Ziel meiner Forschung ist es, die vielfältigen Wechselwirkungen von Technik und Diversität (Vielfalt/Differenz) zu untersuchen. Inwiefern wird Diversität durch Technik bestärkt, reduziert oder sonst beeinflusst? Wie beeinflusst Diversität die Technikentwicklung? Welche gesellschaftlichen Implikationen gehen damit einher, wenn Diversität durch Technik beeinflusst wird, beispielsweise Techniken, die Behinderungen adressieren, auf verschiedene Altersgruppen zielen oder die Biodiversität auf der Erde erhalten sollen.

WiHo-Redaktion: Was ist derzeit Ihr zentrales Forschungsprojekt und welchen gesellschaftlichen Bezug hat es?
Torsten H. Voigt: Gegenwärtig interessiere ich mich vor allem für zwei großen Themenbereiche, zu denen ich forsche:

  1. Im ersten Themenschwerpunkt analysiere ich neurowissenschaftliche Studien, die sich mit Rasse und Ethnizität befassen. Die Relevanz des Themas begründet sich dabei aus meiner Sicht aus zwei zentralen Punkten. Zum einen spielen Kulturdifferenzen und der Umgang mit Diversität in der Gesellschaft heute eine immer größere Rolle. Zum anderen geht es auch darum, einseitig essentialistische, biologistische Tendenzen zu vermeiden, wie sie in der Vergangenheit zur „Genetik der Rasse“ zu beobachten waren.
  2. In meinem zweiten Themenschwerpunkt beschäftige ich mich mit
    (Bio-)technischen Kontrollverfahren, z.B. Iris-Scans, Spracherkennung, Lügendetektion, DNA-Tests oder biometrischen Einreisekontrollen. Dabei interessiere ich mich vor allem für die gesellschaftlichen Implikationen, die diese Technogien mit sich bringen. Die gesellschaftliche Relevanz des Themas ist extrem hoch, gerade weil immer mehr Menschen davon betroffen sind bzw. auch freiwillig ihre Daten zur Verfügung stellen. Auf der einen Seite bedeuten solche (Bio-)technischen Kontrollverfahren Erleichterungen beim Reisen, bei Gerichtsverfahren, bei Geldgeschäften etc., auf der anderen Seite bringen sie aber auch neue Formen der Ungleichbehandlung, der sozialen Kontrolle und Überwachung mit sich.

WiHo-Redaktion: Wie generieren Sie neue Seminarinhalte/Vorlesungsthemen?
Torsten H. Voigt: Meine Lehre zeichnet sich durch eine enge Verknüpfung von Forschung und Lehre aus. Meine Lehrinhalte leiten sich unmittelbar aus meinen Forschungsschwerpunkten ab. Dabei versuche ich, meine Seminare kontinuierlich weiterzuentwickeln, indem ich aktuelle Forschungsliteratur und Forschungsergebnisse in die Lehre integriere.

WiHo-Redaktion: Wenn Sie die freie Wahl hätten: an welcher Universität im Ausland würden Sie gern arbeiten? Warum?
Torsten H. Voigt: University of California, Berkeley oder die Stanford University würden mich sehr reizen, da dort viele herausragende Kolleginnen und Kollegen aus der Wissenschafts- und Technikforschung arbeiten. 

WiHo-Redaktion: Zum Status Quo der WiHo-Forschung in Deutschland: Worin ist sie gut? Was fehlt ihr noch?
Torsten H. Voigt: Die Hochschulforschung sowie die quantitative Wissenschaftsforschung sind in Deutschland bereits sehr gut etabliert. Weniger Raum wurde bisher der philosophisch beeinflussten, qualitativen Wissenschafts- und Technikforschung eingeräumt, die über die Technikfolgenabschätzung hinausgeht. Dieses Feld ist in anderen Ländern deutlich besser institutionalisiert und etabliert.

WiHo-Redaktion: Wo sehen Sie Deutschland in der WiHo-Forschung im internationalen Vergleich? Was könnten wir von welchen Ländern lernen?
Torsten H. Voigt: Hier würde ich zwischen Hochschulforschung und Wissenschaftsforschung unterscheiden. Die Hochschulforschung hat in Deutschland einen sehr guten Stand und sie ist auch im internationalen Vergleich gut aufgestellt. Die Wissenschaftsforschung ist weniger gut etabliert und ist international bisher nicht in dem Maße präsent, wie es dem Stellenwert von Forschung und Entwicklung in Deutschland angemessen wäre. Dies zeigt sich vor allem im Vergleich mit anderen Forschungsfeldern, in denen Deutschland zweifellos international zur Spitzengruppe gehört. Gerade die technischen Universitäten haben in den vergangenen Jahren einiges unternommen, um die sozialwissenschaftliche Wissenschaftsforschung in Deutschland zu stärken, beispielsweise die RWTH Aachen oder die TU München.