Themenblock A: Entscheiden – Die Phase (vor) der Entscheidung für ein Studium

In diesem Themenfeld standen die Studienfachwahl und die Beratung vor Beginn des Studiums im Zentrum. Geht eine informierte Wahl des Studienfachs mit einem niedrigeren Abbruchrisiko einher? Wie kann eine informierte Studienwahl unterstützt werden? Welche Formen der Beratung von Studieninteressierten haben sich in der Praxis bewährt? Auch die Vorbereitung internationaler Studierender an Studienkollegs und die Bedeutung von Sprachkompetenzen für den Studienerfolg wurden hier thematisiert.

Tag 1 | Parallele Foren 4-6


4 | Themenblock A – Thema: Studienberatung vor Studienbeginn

Strohfeuer oder nachhaltige Verbesserung - Der Effekt von Studienberatung auf Studienerfolg in kurz- und langfristiger Perspektive

Dr. Lukas Fervers & Prof. Dr. Marita Jacob
Ko-Autorinnen und -Autoren: Janina Beckmann und Joachim Piepenburg

Das Projekt PraeventAbb (Frühe Prävention von Studienabbruch. Eine randomisierte Feldstudie zu kurz- und langfristigen Wirkungen einer Studienberatung von Studienberechtigten) evaluiert den Einfluss eines eintägigen Studienberatungsworkshops auf den Übergang ins Studium und den Studienerfolg.

Im Rahmen des Beratungsworkshops wurden passende Studiengänge auf Basis standardisierter Tests mit individuellem Feedback identifiziert und Informationen hierzu vermittelt. Des Weiteren sollten psychologische Ressourcen (z.B. Selbstwirksamkeit) gestärkt werden, die für den Studienerfolg von Bedeutung sind.

Um den Effekt des Workshops zu identifizieren wurde ein randomisiertes Feldexperiment durchgeführt, in dem Probanden zufällig in Treatment- und Kontrollgruppe eingeteilt wurden. Im Rahmen der Befragungen wurde mit Hilfe von Statusabfragen sowie etablierten psychometrischen Skalen erhoben, in wie weit 1) studienbezogene Informiertheit und psychologische Ressourcen vor der Studienaufnahme gestärkt werden konnten, 2) in wie weit sich das tatsächliche Studienwahlverhalten geändert hat und 3) wie erfolgreich bzw. zufrieden die Schülerinnen und Schüler in ihrem gewählten Studiengang sind.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Studienberatung durchaus dazu geeignet scheint, Schülerinnen und Schüler in der Studienentscheidung zu unterstützen. Dies gilt zumindest für bestimmte Aspekte studienbezogener Informiertheit als auch für psychologische Ressourcen. Trotz des positiven, kurzfristigen Effektes ist allerdings kein positiver Effekt auf das tatsächliche Studierverhalten sowie die Studienzufriedenheit nachweisbar. Dies legt den Schluss nahe, dass die Treatmentintensität zu gering war, um einen langfristigen Effekt zu entfalten. Aus wissenschaftlicher Sicht belegt die Diskrepanz zwischen kurz- und langfristigen Effekten die Notwendigkeit, einer längerfristigen Perspektive bei der Evaluation von Interventionen im Bereich Studienberatung einen größeren Raum einzuräumen.

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„Abi – und was dann?“ Ein Intensivkurs zur Studienentscheidung für Schülerinnen und Schüler wird digital

Nathalie Nathalie Blome

In diesem Forumsbeitrag wird der Online-Workshop „Intensivkurs Studien- und Berufswahl“ der Zentralen Studienberatung der Universität Heidelberg als Praxisbeispiel vorgestellt. Zielsetzung ist es, Praktikerinnen und Praktiker Anregungen für die Unterstützung von Studieninteressierten bei der Studienentscheidung zu bieten. Ebenso können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Ideen für mögliche Forschungsdesiderate hinsichtlich der Belastbarkeit der Studienwahl erhalten.

Der zweitägige Intensivkurs Studien- und Berufswahl richtet sich an Schülerinnen und Schüler ab der 11. Klasse, die sich intensiv mit ihrer Studien- und Berufswahl auseinandersetzen möchten. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhalten fundierte Informationen sowie individuelle Beratung, die sie befähigen, die verschiedenen Schritte des Entscheidungsprozesses zu bewältigen. Inhaltlich befassen sich die Module mit Lernzielen, Fähigkeiten, Interessen, Werten sowie mit Informationsrecherche, Studienorganisation und der Entscheidungsfindung. Als Lernmaterial stehen ein Portfolio mit Arbeitsblättern sowie verschiedene Video- und Audiodateien zur Verfügung. Diese werden in einer Mischung aus Videokonferenzen im Plenum, Partnerarbeit sowie individuellen Lernphasen bearbeitet. Diese vielfältigen didaktischen Formate ermöglichen es, sowohl den Austausch innerhalb der Gruppe als auch den Kontakt mit den Expertinnen und Experten aus der Studienberatung zu nutzen, während die Einzelarbeit im eigenen Tempo stattfindet.

Der vormals in Präsenz durchgeführte Kurs ist durch das (ursprünglich pandemiebedingte) Online-Format nun auch Schülerinnen und Schülern aus ganz Deutschland zugänglich. Während in den Präsenzkursen größtenteils Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem Rhein-Neckar-Raum anwesend waren, werden die Kurse nun auch von Schülerinnen und Schülern Deutscher Schulen im Ausland sowie im Ausland lebenden Deutschen genutzt.

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Tag 2 | Parallele Foren 7-9


7 | Themenblock A – Thema: Vorbereitung internationaler Studierender

Geflüchtete in der Studienvorbereitung: Herausforderungen, Ressourcen und Erfolg

Michael Grüttner

Seit 2015 bewerben sich verstärkt Geflüchtete an deutschen Hochschulen um einen Studienplatz. Hierzu müssen sie in der Regel die gleichen Studienvoraussetzungen nachweisen und die gleichen studienvorbereitenden Sprach- oder Fachkurse absolvieren, wie andere internationale Studierende.

Das Projekt WeGe (Wege von Geflüchteten an deutsche Hochschulen. Eine Mixed-Methods Studie zu den Bedingungen erfolgreichen Studienzugangs für studieninteressierte Geflüchtete) hat internationale Studienbewerberinnen und Studienbewerber sowie Geflüchtete an Studienkollegs und in Sprachkursen an Hochschulen befragt und ihren Erfolg in der Studienvorbereitung sowie die Übergänge nach der Studienvorbereitung ins Regelstudium untersucht. Der Vortrag fasst die zentralen Herausforderungen zusammen, die sich im Zuge der Untersuchungen herauskristallisiert haben. Darüber hinaus werden auch Ressourcen beschrieben, die Geflüchteten den Übergang ins Studium erleichtern können. Die Untersuchung des WeGe-Projektes legt nahe, dass Geflüchtete auch gegen ungünstige Umstände zumeist erfolgreich durch die Studienvorbereitung kommen. Im Vortrag werden Anknüpfungspunkte für die Einbettung und Weiterentwicklung der studienvorbereitenden Maßnahmen an Hochschulen und Studienkollegs aufgezeigt und diskutiert.

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Sprache und Studienerfolg bei Bildungsausländerinnen und Bildungsausländern: Ausgewählte Ergebnisse eines empirischen Längsschnittprojekts

Dr. Katrin Wisniewski

Bildungsausländerinnen und Bildungsausländer, also ausländische Studierende mit nicht an einem deutschen Studienkolleg erworbener Hochschulzugangsberechtigung, brechen ihr Studium sehr häufig und v.a. deutlich häufiger als deutsche Studierende ab. Die Gründe für diese Situation sind bislang nur lückenhaft erforscht. Regelmäßig wird jedoch vermutet, dass sprachliche Aspekte eine wesentliche Rolle spielen könnten.
Das Projekt SpraStu (Sprache und Studienerfolg bei Bildungsausländerinnen und Bildungsausländer) ist eine Längsschnittstudie, die im Zeitraum von Juni 2017 bis Dezember 2020 an den Universitäten Leipzig und Würzburg durchgeführt wurde. Das Projekt zielt darauf ab, den Beitrag unterschiedlicher (sprachlicher) Faktoren für den Studienerfolg dieser Zielgruppe vertiefend zu untersuchen. Zu diesem Zweck wurden drei Kohorten von Bildungsausländerinnen und Bildungsausländern in ihrem Bachelorstudium begleitet und regelmäßig in einem Mixed-Methods-Ansatz untersucht.

Zentrale Bausteine des interdisziplinären Projekts, das zwischen Angewandter Linguistik/Fremdsprachenerwerbsforschung und Psychologie angesiedelt ist, betreffen 1.) die Entwicklung sprachlicher Kompetenzen, die in SpraStu regelmäßig diagnostiziert wurden. 2.) wurden ausgewählte herausfordernde wissenschaftssprachlich geprägte Handlungen im Studium mit korpuslinguistischen und retrospektiven Methoden untersucht. 3.) befasst sich SpraStu mit Aspekten der sprachbezogenen Selbstregulation und hier insbesondere mit der Rolle von metakognitivem Strategiewissen in sprachlich schwierigen Studiensituationen. 4.) verankert SpraStu diese sprachlichen Gesichtspunkte mit studienerfolgsrelevanten weiteren möglichen Einflussfaktoren auf den Studienerfolg (insbesondere mit der sozialen und akademischen Integration).

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8 | Themenblock A – Thema: Studienberatung und Studienbeginn II

"Kein zahnloser Tiger" - Verzahnte Orientierungsangebote zu beruflicher und akademischer Ausbildung im BMBF-Verbundvorhaben VerOnika

Birgitta Maria Kinscher
Ko-Autorin: Prof. Dr.-Ing. habil. Birgit Müller

Der Beitrag behandelt das BMBF-geförderte Verbundvorhaben der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, der Hochschule Darmstadt und der Hochschule Karlsruhe VerOnika, in dessen Rahmen verzahnte Orientierungsangebote zu beruflicher und akademischer Ausbildung entwickelt und erprobt werden. Alleinstellungsmerkmal des Modells der verzahnten Orientierungsangebote ist, dass Akteure aus Hochschulen und Institutionen der beruflichen Bildung diese gemeinsam durchführen und die Orientierung zur dualen und akademischen Ausbildung in einem gemeinsamen Programm vermittelt wird.

Zielgruppe sind junge Menschen mit Hochschulzugangsberechtigung, für die sowohl eine Ausbildung als auch ein Studium in Frage kommen und die noch unsicher sind, für welchen Bildungsweg sie sich entscheiden sollten. Den Orientierungsangeboten liegt ein erfahrungsbasierter Orientierungsansatz zugrunde, der die Lernorte Hochschule, Betrieb und Berufsschule umfasst und die Teilnehmenden intensiv durch Coaching und Reflexionsangebote begleitet. Inhaltlich liegt der Fokus auf den MINT-Fächern und dem Berufsfeld der sozialen Arbeit.

Auf der übergeordneten Ebene möchte das Verbundvorhaben zur Verbesserung der Durchlässigkeit zwischen den Bildungsbereichen beitragen. In dem Beitrag werden die Forschungsfragen vorgestellt und zur Diskussion gestellt.

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Bildungsbiografische und praxisbezogene Berufs- und Studienorientierung für MINT-Fächer

Ricarda Fritzsche

Die MINT-Fächer haben mit hohen Abbruchquoten zu kämpfen. Doch besteht bereits durch eine unterstützte und bewusste Entscheidungsphase vor dem Studienantritt die Möglichkeit, einen Abbruch zu verringern oder gar zu verhindern. Hier setzten präuniversitäre Berufs- und Studienorientierungsprogramme, wie das Projekt „Frauen gestalten die Informationsgesellschaft“ (fgi) der Universität Paderborn an. Dieses führt verschiedene Angebote zur Erweiterung des weiblichen Studien- und Berufswahlspektrums durch. Das Projekt umfasst mehrere Angebote entlang der Bildungskette, wie den Girls- und Boysday für Schülerinnen und Schüler weiterführender Schulen, das MINT-Schnupperstudium „Herbst- und Frühlings-Uni“ für Mittel- und Oberstufenschülerinnen, das MINT-Mentoringprogramm „look upb“ für Schülerinnen der Oberstufe und das duale Berufs- und Studienorientierungsprogramm „NRW-Technikum“ für MINT-interessierte Abiturientinnen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Maßnahmen findet keine Gießkannenförderung statt, bei der zum einen die geschlechtsspezifischen Bedürfnisse und Bedarfe unterschiedlicher Zielgruppen ignoriert werden und zum anderen nur eine punktuelle Förderung stattfindet. Die Einzelangebote greifen ineinander und führen entlang der Bildungsbiografie von der fünften Klasse bis über das Abitur hinaus.

Eine bewusste Studienentscheidung wird durch das Projekt „fgi“ neben der nachhaltigen und bildungsbiografischen Ausrichtung auch durch die Fokussierung auf eigene Praxiserfahrungen gefördert. Es zeigt sich, dass Studienabbrecherinnen und Studienabbrechern im Vorfeld häufig zu wenig Informationen über die spezifischen Anforderungen des (MINT-)Fachs zur Verfügung standen und ein Motivationsdefizit während des Studiums den Abbruch begünstigt. Das praxisorientierte Ausprobieren und der Austausch mit, häufig unterrepräsentierten, weiblichen Rolemodels in MINT-Fachgebieten, unterstützen nicht nur eine reflektierte Studienentscheidung, sondern ermöglichen über das theoretische Veranschaulichen hinaus vor allem das selbstständige Erleben einer späteren Berufsperspektive, was Kraft und Motivation für schwierige Studienzeiten mobilisiert. So werden nicht nur die fachlichen, sondern auch die sozialen und persönlichen Kompetenzen sowie Selbstvertrauen, Verantwortungsgefühl und Lerninteresse gestärkt, die für eine bewusste und erfolgreiche Studienwahl unabdingbar sind.

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Tag 2 | Parallele Foren 10-12


12 | Themenblock A – Thema: Studienberatung vor Studienbeginn III

Digitale Auswahlverfahren in der Corona-Pandemie

Dr. Stephan Stegt

Die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung von Auswahltests beschleunigt. Im Jahr 2020 konnten viele Hochschulen ihre schriftlichen Zulassungsprüfungen nicht vor Ort durchführen. Aus diesem Grund entschieden sich einige Hochschulen für digitale Auswahltests, die von den Bewerberinnen und Bewerbern zu Hause abgelegt werden können. Zum Schutz vor Täuschungshandlungen werden diese Onlineprüfungen mit Webcam, Mikrophon und Screensharing überwacht. Das Institut für Test- und Begabungsforschung entwickelte oder adaptierte mehrere Zulassungstests für solche Onlineprüfungen mit Proctoring. Der Beitrag erläutert die eingesetzten Testverfahren, den Ablauf des Proctorings sowie die aufgetretenen Schwierigkeiten und Besonderheiten. Außerdem werden Daten zur Testqualität, zur Vergleichbarkeit mit Vor-Ort-Prüfungen sowie zur Akzeptanz durch die Teilnehmenden geschildert.

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Are you “Ready for Justus?” – Das Online Self-Assessment für Studieninteressierte an der Justus-Liebig-Universität Gießen

Vera Weingardt
Ko-Autorin: Dr. Pascale Stephanie Petri

Die Studienabbruchquote ist in Deutschland seit vielen Jahren relativ stabil und liegt bei ca. 30 %. Das ist sowohl aus gesellschaftlicher als auch aus individueller Perspektive inakzeptabel. Es müssen dringend Maßnahmen ergriffen werden, um die Abbruchquoten zu senken. Da der Misfit zwischen den Fertigkeiten, Fähigkeiten, Interessen und Erwartungen der Studierenden einerseits und den Anforderungen eines Studiengangs andererseits oft als Abbruchgrund genannt wird, bietet sich eine detaillierte Studienwahlberatung als guter Ansatzpunkt an, um Studienabbruch vorzubeugen. In der Hochschulpraxis kann dies in verschiedener Form umgesetzt werden.

Das in diesem Beitrag vorgestellte Online Self-Assessment (OSA) stellt dabei eine vielversprechende und besonders ökonomische Herangehensweise dar. Das OSA „Ready for Justus?” der Justus-Liebig-Universität Gießen unterstützt Studieninteressierte bei der Klärung der Frage, ob ihr Wunschstudium zu ihnen passt. Mittels Tests und Fragebogen werden die grundsätzlich für den Studienerfolg relevanten Merkmale erfasst. Darüber hinaus werden den Ratsuchenden fachspezifische Anforderungen aufgezeigt, die im Zuge qualitativer und quantitativer Anforderungsanalysen mit Studierenden und Lehrenden der jeweiligen Fächer ermittelt wurden. Sie können austesten, ob sie über das für den erfolgreichen Studienbeginn notwendige Vorwissen verfügen. Basierend auf den individuellen Ergebnissen erfolgt ein ausführliches Feedback. Hier erfahren die Studieninteressierten, in welchen Bereichen bereits eine gute Passung zu den Anforderungen im Wunschstudium vorliegt und in welchen Bereichen dies nicht der Fall ist. Dies geschieht förderorientiert, in dem z.B. Vorkurse und Vorbereitungsmaßnahmen empfohlen werden, die den erfolgreichen Start ins Studium unterstützen. Mit diesem niederschwelligen Angebot erhalten Studieninteressierte die Möglichkeit, sich vorab ausführlich mit ihrem Wunschstudium auseinanderzusetzen. Kurz- und mittelfristig wird hierdurch eine informierte Studienwahl gefördert, die langfristig zu einer Reduzierung der Abbruchquoten beitragen kann.

Zu dem vorgestellten OSA liegen Evaluationsdaten (N > 1000) vor, die zeigen, ob und in welchem Ausmaß die Nutzerinnen und Nutzer sich nach der OSA-Durchführung besser informiert fühlen, die Anforderungen des jeweiligen Studiums besser kennen und das OSA entsprechend weiterempfehlen würden. Forschungsseitig besteht das Desiderat, die intendierte langfristige Wirkung des OSA empirisch zu untersuchen.

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