Studieneingangstests: Gelebte Praxis an deutschen Hochschulen

Prof. Edith Braun, Justus-Liebig-Universität Gießen & Prof. Bettina Hannover, Freie Universität Berlin

Während sich die Zulassung zum Studium in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich verändert hat, fehlt bisher eine systematische Beschreibung, welche Vorgehensweisen und Eingangstests die einzelnen Hochschulen derzeit nutzen.

  1. Wie gehen Hochschulen bei der Auswahl von Bewerbungen vor?
    Wir haben den Hochschulkompass (https://www.hochschulkompass.de/home.html) als Informationsgrundlage genutzt, in dem am Stichtag des 15. April 2019 insgesamt 9.490 Studiengänge gemeldet waren, aus denen wir eine geschichtete Stichprobe (proportional nach Zulassungsprozess, disproportional nach Fächergruppen) von 10% (936 Studiengänge) zufällig gezogen haben. Die Auswertung der Stichprobe ergab, dass in rund 30% der Studiengänge bei Vorliegen des Abiturs zugelassen oder das Abiturzeugnis nach einem Numerus Clausus (NC) bewertet wird. In weiteren knapp 45% der Studiengänge werden darüber hinaus zusätzliche Kriterien herangezogen, wie z.B. das Durchlaufen eines hochschulinternen Auswahlverfahrens. In den verbleibenden ca. 25% der Studiengänge kann statt mit dem Abitur auch auf anderen Wegen (z.B. Teilnahme an hochschulinternem Auswahlverfahren) die Zulassung beantragt werden. Eine nach Fachrichtung spezifizierte Auswertung zeigt, dass Studienplätze in Wirtschaft und Recht besonders häufig über das Abitur in Kombination mit weiteren Kriterien vergeben werden, während im Lehramt und in den Gesundheitswissenschaften besonders häufig Zugänge zum Studium ohne Abitur möglich sind.
  2. Welche Studierfähigkeitstests nutzen Hochschulen?
    Eine Literaturrecherche in einschlägigen Datenbanken ergab 24 Eignungstests, zu denen Aussagen zur psychometrischen Qualität vorlagen. Daraus wurden 10 Tests zufällig gezogen. Die Analysen zeigen, dass in 9 der 10 Tests Wissen erfasst wird, in 6 Intelligenz und in 2 nicht-kognitive Fähigkeiten. Damit erfassen die Tests typischerweise kognitive Aspekte, meist in der Kombination Intelligenz und Wissen, während nicht-kognitive Aspekte nur selten berücksichtigt werden.
  3. Metaanalyse zur Prognosefähigkeit nicht-kognitiver Merkmale des Studienerfolgs
    Die geringe Berücksichtigung nicht-kognitiver Aspekte der Studierfähigkeit kann Ausdruck davon sein, dass wenig über ihre Prognosefähigkeit in Deutschland bekannt ist. Daher haben wir in einem weiteren Schritt eine Metaanalyse (Software R 3.6.1) berechnet über vorliegende Studien zum Zusammenhang zwischen nicht-kognitiven Merkmalen und Studienerfolg. Es wurden 84 kodierte Stichproben aus 19 Primärstudien gefunden, die insgesamt 6 nicht-kognitive Aspekte untersucht haben. Die unbereinigten Koeffizienten zeigen mittlere Effekte zu Studienerfolg: beispielsweise Anstrengung p = .25, Motivation p = .18, Lernstrategien p = .11 und Selbstwirksamkeit p = .11. Damit liegen sie unter der Prognosefähigkeit von Abiturdurchschnittsnoten (p = .45) und kognitiver Merkmale (p = .42, unbereinigt p = .35).
  4. Ausblick
    Die Ergebnisse zeigen eine Ausdifferenzierung der Studienplatzvergabe. Es gibt derzeit keine Standardisierung, welche Tests oder Prozeduren genutzt werden. Der mit der Durchführung von Auswahlverfahren entstehende Mehraufwand wird derzeit hauptsächlich von den Studierenden geschultert (z.B. durch Bezahlung für Teilnahme an Tests). Es fehlen Kenntnisse zur Validität kombinierter Verfahren, die auch nicht-kognitive Aspekte einbeziehen, und zur längsschnittlichen Prognose von Studien- und Berufsverlauf.

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