Quantitative Wissenschaftsforschung im Spannungsfeld zwischen Forschung und Wissenschaftspolitik

Quantitative Wissenschaftsforschung

Das gegenseitige Kennenlernen und die Vernetzung untereinander standen im Fokus der Kick-Off-Veranstaltung zur Förderlinie „Quantitative Wissenschaftsforschung“ am 23. November 2018. Hierzu hatte das BMBF die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der insgesamt 48 geförderten Projekte in das Fraunhofer Forum in Berlin eingeladen.

Den Auftakt der Veranstaltung und den Ausgangspunkt zur Diskussion disziplinübergreifender Themen der Bibliometrie bildeten die Keynotes von Henk Moed, Ph.D., Sapienza Universität Rom, und Prof. Paul Wouters, Universität Leiden.

In seinem Vortrag Opportunities and Limitations of Evaluative Informetrics befasste sich Henk Moed insbesondere mit informetrischen Indikatoren, d.h. Indikatoren die den Output und Impact von Wissenschaft und Forschung messen. Er verwies darauf, dass publikationsbasierter Output nur ein Teil des wissenschaftlichen Outputs ist, aber bspw. auch entwickelte Software, Lehrveranstaltungen und Interviews zum Output von Wissenschaft und Forschung gehören. Indikatoren wissenschaftlichen Outputs können z.B. auf Publikationen, Zitationen oder der Präsenz in sozialen Medien basieren. In seinem Vortrag ging Henk Moed auch auf die Schwierigkeiten bei der Nutzung von Indikatoren zur Evaluation der Leistung einzelner Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein. Da Forschungsleistung in den meisten Fällen das Ergebnis eines Teams ist, sei es notwendig, Expertenwissen einzubeziehen um individuelle Forschungsleistung valide bewerten zu können. Insgesamt hob er hervor, dass auch informetrische Indikatoren kritisch zu hinterfragen seien, da sie nicht in einem luftleeren Raum entstehen, sondern immer auch durch einen weiteren Kontext beeinflusst werden. Die Aufgabe der Informetriker sei es dabei, eine neutrale Rolle einzunehmen.

Hier knüpfte auch Paul Wouters in seinem Vortrag Science Studies for Science Policy: Approaches and Dilemmas an. Er wies darauf hin, dass die Wissenschaftspolitik im Hinblick auf die Forschungsarbeit nicht neutral sei. So sieht Wouters in Evaluationen, und in diesem Zusammenhang der Nutzung von Indikatoren, ein Hauptinstrument um bestimmte Ziele zu erreichen, bspw. hinsichtlich der jeweiligen Forschungsagenda, der Qualität von Methoden und Ergebnissen oder der gesellschaftlichen Relevanz. In diesem Zusammenhang hob er auch hervor, dass Qualität und Impact durch Bewertungspraktiken und -strukturen definiert werden. Was Exzellenz oder Impact bedeutet ergebe sich daraus, was als Exzellenz oder Impact gemessen oder definiert wird. Die Kriterien für Qualität und Impact seien somit ein unvollständiger Mix aus fachspezifischen und politischen Merkmalen. Er regte deshalb an, nur die Leistungsindikatoren zu verwenden, die auch zu den Zielen der jeweiligen Hochschulpolitik und -management passen sowie stärker die Vielfältigkeit der Indikatoren zu nutzen anstatt nur einen einzelnen Ansatz zu verfolgen.

Projekte der BMBF-Förderlinie „Quantitative Wissenschaftsforschung“

Im Anschluss an die beiden Keynotes hatten die BMBF-geförderten Forschungsprojekte Zeit, ihre Vorhaben in drei parallelen Cluster-Foren zu präsentieren und zu diskutieren. Die Projekte des ersten Clusters beschäftigen sich mit Open Sciences, Altmetrics sowie wissenschaftlichem und gesellschaftlichem Impact. Fragestellungen, die hier betrachtet werden, beziehen sich bspw. darauf, den Wandel vom traditionellen zum Open Access Publizieren besser zu verstehen oder die Wirkung von externer Wissenschaftskommunikation auf die Zitationsrate von Altmetrics und Publikationen zu untersuchen. Die Projekte des zweiten Clusters untersuchen Strukturen, Netzwerke, Kommunikation und Interaktion. Hier geht es u.a. darum, Faktoren zu identifizieren und zu analysieren, die die wissenschaftliche Karriere beeinflussen oder Methoden zu entwickeln, um die Interdisziplinarität von Forschungseinrichtungen und Instituten zu bewerten. Die Projekte des dritten Clusters befassen sich schließlich mit der Messung der Effizienz, Leistung, Produktivität und deren Validität. Hierbei werden bspw. Indikatoren zur Abbildung medizinischer Forschungsleistung entwickelt oder untersucht, wie die Effizienzbewertung von Hochschulen verbessert werden kann.

In clusterinternen Arbeitsgruppen eruierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer schließlich methodische und inhaltliche Gemeinsamkeiten, Möglichkeiten und Bedarfe für projektübergreifenden Austausch und Vernetzung sowie Ideen und Konzepte für den Ergebnistransfer. Es zeigte sich hierbei, dass es viele Gemeinsamkeiten zwischen den Projekten, sowohl im Hinblick auf die verwendeten Methoden als auch im Hinblick auf die untersuchten Inhalte gibt. Insbesondere eint einen Großteil der Vorhaben die Nutzung bibliometrischer Daten des Kompetenzzentrums Bibliometrie, die im Rahmen der BMBF-Förderung ermöglicht wurde. Auf Basis dieser Gemeinsamkeiten kann dann projektübergreifender Austausch und Vernetzung stattfinden, bspw. im Rahmen von Workshops oder durch den Austausch von Daten und Artikeln. Im Hinblick auf den späteren Ergebnistransfer wurden erste Ideen ausgetauscht, die sich insbesondere darauf beziehen Politik und Praxis einzubinden, bspw. durch Fachtagungen, die Nutzung sozialer Medien oder den Kontakt mit Wissenschaftsjournalisten.

Was bleibt? Die Keynotes von Henk Moed und Paul Wouters haben verdeutlicht, dass eine kritische Auseinandersetzung und Weiterentwicklung der Nutzung quantitativer Daten zur Messung und Bewertung wissenschaftlicher Leistung wichtig ist. Dies greift die BMBF-Förderlinie „Quantitative Wissenschaftsforschung“ auf. Die Kick-Off-Veranstaltung hat dabei wieder das breite thematische und methodische Spektrum der Förderlinie gezeigt. Die Projekte beleuchten eine Vielzahl unterschiedlicher Aspekte von Wissenschaft und Forschung und lassen so viele interessante Erkenntnisse über das Wissenschaftssystem erwarten. Zusammenfassend verspricht die Kick-Off-Veranstaltung, dass die Förderlinie einen spannenden Diskurs innerhalb der Wissenschaftsforschung und wichtige Impulse für Hochschulpolitik und -praxis mit sich führen wird.


Im Rahmen der Förderlinie „Quantitative Wissenschaftsforschung“ fördert das BMBF mit rund 11 Millionen Euro Untersuchungen, Analysen und Studien über Wissenschaft und Forschung, die auf quantitativen Daten über das Wissenschaftssystem basieren. Gefördert werden insgesamt 23 Verbund- und Einzelprojekte aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen. Eine ausführliche Beschreibung der Förderlinie und eine Übersicht der Projekte und beteiligten Personen finden Sie hier.