MOOCs After the Gold Rush: Welchen Einfluss haben offene digitale Lehrformate auf Anbieterstruktur und Geschäftsmodelle in der tertiären Bildung?

MOOCS

Im vom BMBF geförderten Querschnittsprojekt MOOC-AG haben das International Centre for Higher Education (INCHER-Kassel) und des Leibniz Center for Science and Society (LCSS) eine gemeinsame Studie vorgelegt, die zeigt, wie sich die Anbieterstruktur von Massive Open Online Courses (MOOCs) entwickelt, wie deutsche Universitäten diese neuen Lehrinstrumente einschätzen und was für zukünftige Entwicklungen zu erwarten sind. Im Interview berichten die Projektverantwortlichen von ihren Ergebnissen.

Welchen Ausgangspunkt und welche Bedeutung hat das Projekt?

Ausgangspunkt des Projektes war, dass Massive Open Online Courses (MOOCs) in den letzten Jahren in der internationalen Diskussion um die Digitalisierung der Hochschullehre eine zentrale Rolle gespielt haben. Gerade in den Jahren von 2012 bis 2015 gab es einen weltweiten Hype um diese Kurse und es waren mit ihnen große Hoffnungen aber auch Befürchtungen verknüpft. Neben der Frage, ob die Hoffnungen und Befürchtungen zu MOOCs eingetreten sind, stellten sich allerdings weitere Fragen, die im Projekt beantwortet wurden: Welche Provider haben sich mit welchen Ausrichtungen und Geschäftsmodellen etabliert? Welche Folgen ergeben sich durch MOOCs für die Hochschulbildung? Wie sehen die deutschen Universitäten MOOCs und welche Motive führen dazu, MOOCs anzubieten? Welche Entwicklungen sind national und international zu erwarten?

Wie sind Sie vorgegangen?

Die Studie greift theoretisch auf Argumente der Feldtheorie, der Populationsökologie und ökonomischer Theorien zur Marktentwicklung zurück. Methodisch basiert sie zum einen auf einer Originaldatenerhebung zu MOOC-Providern für die Jahre 2011-2017 (Paneldatensatz). Es wurden insgesamt 155 MOOC-Provider identifiziert und für diese wurde für jedes Jahr, in dem ein Provider aktiv war, ein Set von 35 Variablen erhoben. Analysiert wurden die Daten mit einer Kombination von deskriptiven und multivariaten quantitativen Methoden (Hazardraten-Analyse). Zum anderen basiert die Studie auf Interviews mit deutschen Universitäten und einem US-amerikanischen MOOC-Provider. Diese wurden mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet. Die Skizzierung zukünftiger Entwicklungslinien von MOOCs baut sowohl auf theoretischen Überlegungen als auch den empirischen Ergebnissen auf.

Wer ist an dem Projekt beteiligt?

Das Projekt wurde in Zusammenarbeit zwischen dem International Centre for Higher Education Research der Universität Kassel (INCHER-Kassel) und dem Leibniz Center for Science and Society der Leibniz Universität Hannover (LCSS) durchgeführt. Geleitet wurde das Projekt von Guido Bünstorf, Anna Kosmützky und Georg Krücken; Projektmitarbeiterinnen und Projektmitarbeiter waren Otto Hüther, Igor Asanov, Johanna Meemann, Sebastian Tieke und Gabi Reichardt.

Was sind die wesentlichen Erkenntnisse Ihres Projektes?

Unser Paneldatensatz zu den Providern zeigt, dass sich seit 2011 ein neues strategisches Handlungsfeld in Bezug auf MOOCs herausgebildet hat. Nach einer raschen Erhöhung der Providerzahlen bis 2015 findet sich eine Stabilisierung sowohl der Provideranzahl als auch bei den Akteuren im Feld. Zur Stabilisierung trägt auch bei, dass MOOC-Provider im Zeitverlauf zunehmend von staatlichen Stellen unterstützt werden. Diese Unterstützung zeigt sich am deutlichsten in der Gründung nationaler Provider z.B. in Indien, Frankreich oder auch Thailand. Insbesondere große Provider (die mehr als 100 Kurse und ein breites Kursangebot anbieten), die fast ausschließlich als Plattformen organisiert sind, werden vergleichsweise häufiger durch staatliche Stellen unterstützt und ein größerer Anteil von ihnen wurde mit Beteiligung von Hochschulen gegründet.

Die empirischen Ergebnisse unserer Hazardraten-Analyse zeigen, dass das kumulierte Austrittsrisiko aus dem Markt für Plattformprovider weniger als halb so groß ist wie für Einzel-Provider. Zudem zeigt sich, dass Provider, die nur wenige Kurse anbieten, und spezialisierte Provider, die sich auf Kurse aus einem Wissenschaftsbereich (Geistes- und Sozialwissenschaften, Lebenswissenschaften, Naturwissenschaften, Ingenieurwissenschaften) konzentrieren, ein erhöhtes Marktaustrittsrisiko aufweisen. Umgekehrt weisen MOOC-Provider, die speziell für das Angebot von MOOCs gegründet wurden, eine längere Verweildauer im Markt auf. Große, nicht spezialisierte Plattformprovider, die speziell für MOOC-Angebote gegründet wurden, hatten damit die besten Chancen, im Markt zu überleben.

Die Leitfadeninterviews zeigen, dass unterschiedliche Gründe und Motive für das Anbieten von MOOCs bei den deutschen Universitäten eine Rolle gespielt haben. Vier Gründe und Motive sind dabei hervorzuheben: Erstens werden MOOCs als wichtiger Katalysator für die weitere Digitalisierung der lokalen Lehre an den Universitäten angesehen, zweitens streben die Universitäten Image und Sichtbarkeitsvorteile an, drittens werden MOOCs als Teil der Internationalisierungsstrategie der Universität angesehen, wobei die Werbung von internationalen Studierenden im Vordergrund steht, und viertens werden MOOCs eingesetzt, um Forschungsdaten zu digitalem Lernen zu generieren. Im Vergleich zu anderen Ländern spielen mögliche Einnahmen über MOOCs und staatliche Anreize bzw. Druck aber keine Rolle. Zum Interviewzeitpunkt planten die von uns interviewten Universitäten in Bezug auf ihre MOOC-Angebote keine grundlegenden Änderungen, sondern wollen ihre bisherigen Strategien fortsetzen.

In Bezug auf zukünftige Entwicklungslinien ist davon auszugehen, dass MOOCs die digitalen Lehrangebote im Bereich der Hochschulbildung auch weiterhin ergänzen werden. Zudem ist mit einer relativ hohen Anzahl unterschiedlicher Provider zu rechnen und nicht mit einer Konzentration auf sehr wenige Provider. Darüber hinaus ist davon auszugehen, dass die Bedeutung von MOOCs in der Hochschulbildung einzelner nationaler Hochschulsysteme unterschiedlich sein wird. Je nachdem, ob MOOCs als ein Baustein zur Lösung lokaler Probleme der Hochschulbildung angesehen werden, wird sich die Stellung unterscheiden. Für Deutschland ist kein grundsätzlicher Ausbau von MOOCs zu erwarten. Insbesondere die in anderen Ländern beobachtbare Entwicklung der Verschränkung von MOOC-Angeboten und klassischer Hochschulausbildung ist unter den momentanen Rahmenbedingungen für das deutsche Hochschulsystem nicht zu erwarten.

Ganz aktuell muss zu diesen erwartbaren Entwicklungslinien jedoch hinzugefügt werden, dass eine längere Schließung von Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen aufgrund der derzeit weltweiten Ausbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 zu einer vollkommenen Neubewertung von digitalen Lernangeboten führen könnte. Falls es dazu kommen sollte, bieten unsere Forschungsergebnisse eine Grundlage für entsprechende Strategien.

Wo sind Ihre Ergebnisse zugänglich?

Die zentralen Projektergebnisse sind im folgenden Report zusammengefasst:

Otto Hüther, Anna Kosmützky, Igor Asanov, Guido Bünstorf und Georg Krücken (2020): Massive Open Online Courses after the Gold Rush: Internationale und nationale Entwicklungen und Zukunftsperspektiven, Kassel und Hannover: INCHER-Kassel und LCSS Doi: 10.15488/9775
Link zu Studie (externer Link): https://www.repo.uni-hannover.de/handle/123456789/9831