Lesenswert!

Lesenswert! – Literaturempfehlungen aus der WiHo-Community

In der Rubrik Lesenswert! empfehlen Professorinnen und Professoren der Wissenschafts- und Hochschulforschung Publikationen aus ihrem Forschungsfeld. Aus ihrer persönlichen Sicht schildern sie, was das vorgeschlagene Werk besonders lesenswert macht. Ob Klassiker von zeitunabhängiger Bedeutung oder Auslöser einer wissenschaftlichen oder gesellschaftlichen Debatte – die Gründe, was ein Werk lesenswert macht, sind vielfältig.

Liebe Professorinnen und Professoren, gerne können Sie sich mit Empfehlungen zu lesenswerter Literatur beteiligigen. Die WiHo-Redaktion freut sich auf Ihre Vorschläge!


Lesenswert!

Literaturempfehlungen von Prof. Dr. Georg Krücken:

The Credential Society

Collins, R. (1979). The Credential Society. An Historical Sociology of Education and Stratification. New York: Wiley.

Ich mag Texte, nach deren Lektüre man die Welt mit anderen Augen sieht. Dieses Buch ist ein solches Beispiel. Das Verhältnis von Hochschulexpansion und gesellschaftlicher Entwicklung wird im Unterschied zu den üblichen Erklärungen nicht funktional gedeutet. Vielmehr resultiert die Hochschulexpansion aus der immer stärker auf formal zertifizierte Abschlüsse setzenden ‚credential society‘, die einen Wettlauf um Hochschulabschlüsse erzeugt. Die Inhalte der Hochschulbildung sind demgegenüber eher zweitrangig. Dieser provozierenden These muss man nicht folgen, aber sie regt zum Denken an. Collins schrieb sein Buch 1979 und hatte vor allem das US-amerikanische Hochschulsystem im Blick. Was würde man angesichts der gegenwärtigen massiven Hochschulexpansion in Deutschland hierzu sagen?

The Higher Education System

Clark, B. R. (1983). The Higher Education System. Academic Organization in Cross-National Perspective. Berkeley, CA: University of California Press.

Hochschulforschung ist aus guten Gründen stark durch den nationalen Kontext geprägt. Umso wichtiger ist es, sich mit der Unterschiedlichkeit nationaler Hochschulsysteme zu beschäftigen. Das Buch von Clark ist hier ein bis heute unerreichter Meilenstein, denn es verbindet auf einzigartige Weise theoretisch-konzeptionelle Abstraktion mit detaillierter empirischer Beobachtung. Die Dezentrierung der eigenen Perspektive, die sich bei der Lektüre einstellt, macht das Buch immer wieder lesenswert. Heutzutage muss man sich aber über Clark hinaus sicherlich noch sehr viel stärker mit der Frage der Durchlässigkeit nationaler Systeme beschäftigen. Kann man angesichts von globalen Rankings, zunehmender Kooperation in Forschung und Lehre sowie Mobilität und Migration noch so von unterschiedlichen nationalen Systemen sprechen, wie es Clark getan hat?  

Laboratory Life: The Social Construction of Scientific Facts

Latour, B. & Woolgar, S. (1979). Laboratory Life: The Social Construction of Scientific Facts. Beverly Hills: Sage Publ.

Dieses Buch war methodisch und theoretisch-konzeptionell zu seiner Zeit höchst innovativ. Es begründete gemeinsam mit dem zwei Jahre später erschienenen Buch „The Manufacture of Knowledge“ von Karin Knorr-Cetina, das 1984 auch auf Deutsch erschien, den ethnographischen Laborstudienansatz in der Wissenschaftsforschung. Das Buch von Latour und Woolgar ist aus unterschiedlichen Gründen eine Neulektüre wert. Ein Grund besteht für mich aktuell darin zu überlegen, worin heute die methodischen Innovationen bestehen. Lassen sich zum Beispiel im Umgang mit ‚big data‘ ähnlich aufregend neue Studien durchführen?

Falsifikation und die Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme

Lakatos, I. (1982). Falsifikation und die Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme. In J. Worrall & G. Currie (Eds.) Philosophische Schriften, Bd. 1. Die Methodologie der wissenschaftlichen Forschungsprogramme. Braunschweig/Wiesbaden: Springer Fachmedien, S. 7 - 107.

Wissenschaftstheorie ist ein wichtiger Bestandteil der Wissenschaftsforschung. Die grundlegenden Fragen der Wissenschaftstheorie sind jedoch für jedwede wissenschaftliche Tätigkeit von Bedeutung. Der Text von Lakatos zu wissenschaftlichen Forschungsprogrammen ist besonders erhellend, da er ein ebenso holistisches wie in sich sehr differenziertes Verständnis von Theorie entwickelt. Sich mit diesem Text zu beschäftigen ist keine intellektuelle Fingerübung. Hierüber lernt man, sich mit den Möglichkeiten und Grenzen des Wissens auseinanderzusetzen, um so in den Dialog mit anderen zu treten. Das Theorieverständnis von Lakatos lässt sich auf ganz unterschiedliche Wissensgebiete übertragen. Was bedeutet es für die Wissenschafts- und Hochschulforschung?


Literaturempfehlung von Prof. Dr. Anke Hanft:

Organization and Governance in Higher Education

Brown et al. (Hrsg.) (2010). Organization and Governance in Higher Education. 6th edition. London: Pearson Learning Solutions.

Starken Einfluss auf die Hochschulforschung haben einige immer wieder zitierte Klassiker der soziologischen Organisationsforschung. Mintzberg, Weick, Cohen, March und Olsen zählen zu den wichtigsten Vertretern, die das Handeln von Experten in kulturstarken „professionellen Bürokratien“ theoriegeleitet erklären. Ihre aufschlussreichen Analysen finden sich, neben vielen anderen, im mehr als 1000seitigen (!), von Brown et. al in der sechsten Auflage 2010 herausgegebenen Reader „Organization and Governance in Higher Education“. Auch wenn Studierende an diesem Mammutwerk verzweifeln („unlesbar“) und sich das Buch schon wegen seines Gewichts für das entspannte Lesen auf dem Sofa kaum eignet, zählt es für mich zu den Standardwerken der Hochschulforschung und hat seinen festen Platz auf meinem Schreibtisch.


Literaturempfehlungen von Prof. Dr. Philipp Pohlenz:

Was ist Universität?

Horst, J.-C., Kagerer, J., Karl, R. u.a. (Hrsg.) (2010). Unbedingte Universitäten: Was ist Universität? Texte und Positionen zu einer Idee. Zürich: Diaphanes.

Aus der Reihe „Unbedingte Universitäten“ (herausgegeben von Johanna-Charlotte Horst, Johannes Kagerer, Regina Karl u.a.) finde ich den Band „Was ist Universität? – Texte und Positionen zu einer Idee“ erwähnenswert, weil er verschiedene Positionen zur gesellschaftlichen, politischen, moralischen Bedeutung von Hochschulen und Universitäten aus den Perspektiven der Bezugsdisziplinen der Hochschulforschung rezipiert. Diese setzen sich in Teilen kritisch mit gegenwärtigen Entwicklungen im Hochschulbildungsbereich auseinander und haben in anderen Teilen die Funktion, Diskurse, auf die sich die gegenwärtige Debatte vielfach bezieht noch einmal im Original zu Wort kommen zu lassen, so etwa Schleiermacher und W.v. Humboldt. Erschienen ist das Buch 2010 im Diaphanes Verlag in Zürich.

Grundbegriffe des Hochschulmanagements

Hanft, A. (Hrsg.) (2001). Grundbegriffe des Hochschulmanagements. Neuwied: Luchterhand.

Eher praktische Relevanz hat das Handbuch „Grundbegriffe des Hochschulmanagements“, herausgegeben von Anke Hanft (2001, Neuwied: Luchterhand; mittlerweile Universitätsverlag Webler in Bielefeld). In ihm werden in kurzen Artikeln von A (Akkreditierung) bis Z (Zielvereinbarungen) die im Hochschulmanagement eingesetzten und von angehenden, wie gestandenen HochschulmanagerInnen benötigten Tools und Prozesse einführend beschrieben. Das Buch ist ein ideales Nachschlagewerk mit nach wie vor bestehender Relevanz, auch wenn im Hochschulmanagement – und gerade in den genannten Qualitätsmanagementverfahren – enorme Dynamik besteht.


Literaturempfehlungen von Prof. Dr. Gabi Reinmann:

Hochschuldidaktik als Theorie der Bildung und Ausbildung

Huber, L. (1983): Hochschuldidaktik als Theorie der Bildung und Ausbildung. In L. Huber (Ed.), Enzyklopädie Erziehungswissenschaft: Vol. 10. Ausbildung und Sozialisation in der Hochschule (pp. 114-138). Stuttgart: Klett-Cotta.

In der neueren Hochschuldidaktik gilt dieser Handbuchartikel von Ludwig Huber als einer der zentralen Referenztexte, mit der er eine an vielen Stellen immer noch aktuelle Beschreibung des Fachs geliefert hat. Im Text zeichnet Huber einerseits die wichtigsten Stationen der Entstehung der Hochschuldidaktik nach und unternimmt andererseits den Versuch einer systematischen Bestimmung derselben.

Klassiker beinhalten in der Regel länger überdauernde Erkenntnisse und geben einer (Sub-)Disziplin eine prägende Struktur und/oder einen entscheidenden Impuls, an den man immer wieder anknüpft. Meiner Einschätzung nach ist das bei Hubers Text der Fall. Seine historische Skizze macht die Genese der Hochschuldidaktik und die bis heute bestehenden Schwierigkeiten ihrer wissenschaftlichen Verortung verständlich. Seine inhaltliche Bestimmung umfasst Vorschläge, die in ähnlicher Form immer wieder reproduziert oder leicht abgewandelt werden.

Entwicklung und Potenziale der Hochschuldidaktik

Wildt, J. (2013). Entwicklung und Potenziale der Hochschuldidaktik. In M. Heiner & J. Wildt (Eds.), Professionalisierung der Lehre. Blickpunkt Hochschuldidaktik. Bielefeld: Bertelsmann.

Wildts Text aus dem Jahr 2013 liefert in Ergänzung zu Hubers Beitrag aus dem Jahr 1983 einen guten Überblick über die Geschichte und den heutigen Stand der Hochschuldidaktik. In der Darstellung der aktuellen Situation der Hochschuldidaktik wählt Wildt einen Standpunkt, dem sich auch weniger optimistische Einschätzungen gegenüberstellen ließen. Nach wie vor nämlich mangelt es an hochschuldidaktischen Professuren; die Gefahr einer Marginalisierung der Hochschuldidaktik und ihrer Reduktion auf bloße Serviceleistungen ohne Forschung ist bis heute nicht gebannt. Trotzdem hat Wildt natürlich, so meine Einschätzung, recht mit seiner Beobachtung, dass das hochschuldidaktische Feld wieder lebendiger und bunter geworden ist und damit auch die Chancen gestiegen sind, die Hochschuldidaktik als Wissenschaft und Handlungspraxis voran zu bringen.


Literaturempfehlung von Prof. Dr. Isabell Welpe:

Evidenzbasierte Governance von Organisationen in Forschung und Lehre – Erwartungen an die Wissenschafts- und Hochschulforschung

Prenzel, M. & Lange, S. (2017): Evidenzbasierte Governance von Organisationen in Forschung und Lehre – Erwartungen an die Wissenschafts- und Hochschulforschung. Keynote beim Symposium “Governance, Performance and Leadership of Research and Public Organizations”, München, 15./16. Juli 2015. Beiträge zur Hochschulforschung, 1/2017.

Der Beitrag löste unter Wissenschafts- und Hochschulforschenden in Deutschland eine rege und fruchtbare Diskussion zur Gegenwart und Zukunft des Forschungsfelds aus. Die aufgezeigten Erwartungen an die empirische Wissenschafts- und Hochschulforschung setzen Maßstäbe und wichtige Impulse für die zukünftige Ausrichtung und Weiterentwicklung des Feldes in Deutschland, auch im Hinblick auf eine evidenzbasierte Politik- und Organisationsberatung. Die einzelnen in dem Artikel aufgezeigten Handlungsfelder werden derzeit von Wissenschafts- und Hochschulforschenden aktiv aufgegriffen und die identifizierten Veränderungsbedarfe angegangen. Daher sehe ich diesen Artikel als transformativen Beitrag für das Forschungsfeld, der – obwohl jüngeren Datums – bereits jetzt als „Klassiker“ gelten kann.