Kompetenzerfassung für die Fortentwicklung der kompetenzorientierten Lehre

Olga Zlatkin-Troitschanskaia

Kompetenzorientierung und Vergleichbarkeit der Lehre sind zentrale Anforderungen, die der Bologna-Prozess im europäischen Hochschulraum auch an die Reformierung der Studienstrukturen in Deutschland gestellt hat. Die Reform war nicht nur der Anstoß zu neuen Entwicklungen im Hochschulsystem, sie brachte auch neue Herausforderungen mit sich, die eine Anpassung der Lehre erforderlich machen.

Im Rahmen der beiden Förderrichtlinien zur „Kompetenzmodellierung und Kompetenzerfassung im Hochschulsektor“ des Forschungsministeriums (BMBF) wurden Instrumente und Modelle entwickelt (KoKoHs I) und validiert (KoKoHs II), um einen Beitrag für eine Evaluation des Lehrens und Lernens an Hochschulen zu ermöglichen.

Frau Professorin Zlatkin-Troitschanskaia, Sie waren die Projektleiterin des wissenschaftlichen Transferprojekts bzw. der Koordinierungsstelle für die beiden BMBF-Förderlinien Kompetenzmodellierung und Kompetenzerfassung im Hochschulsektor. Dort sind zahlreiche Instrumente zur Erfassung von in den Hochschulen vermittelten Kompetenzen entstanden. Welchen Beitrag können diese Produkte für die Fortentwicklung der kompetenzorientierten Lehre leisten?

Mit dem Einsatz der standardisierten validierten Testinstrumente lässt sich diagnostisch feststellen, inwieweit Studierende fachliche und fachübergreifende Kompetenzen in der Hochschulpraxis auch tatsächlich entwickeln. Hochschulen und Lehrende deutschlandweit können sie nutzen, um ihre Lehre kritisch zu reflektieren und bei Bedarf daran auszurichten. Für die lehrbegleitenden Assessments gilt zudem: Eine gute Testaufgabe ist i.d.R. auch eine gute Übungsaufgabe zur Kompetenzförderung.

Die Testinstrumente wurden nach internationalen Standards entwickelt und validiert und haben damit das Potenzial, sich als „Best Practice“ für diese verlässlichere Form der Kompetenzüberprüfung zu etablieren. In den letzten Jahren sehen wir tatsächlich eine rege Nachfrage nach den bestehenden Instrumenten sowie Transfer in weitere Domänen, auch international.

In den beiden zurückliegenden Förderlinien wurden über 50 Tests entwickelt, die auf verschiedene Fachdomänen adaptiert werden können. Was können diese Tests leisten?

Die Tests ermöglichen eine Erfassung sowohl des Kompetenzniveaus bei Studierenden zu einem bestimmten Zeitpunkt als auch der Entwicklung der Kompetenzen über den Studienverlauf hinweg. Es gibt Assessments für die Studieneingangsphase, den Studienverlauf, den Abschluss sowie die Übergangsphase in den Beruf. Zudem eignen sich die Assessments für Testung in verschiedenen Gruppengrößen, um etwa Informationen auf Kurs- oder Hochschulebene zu gewinnen. Auch der Testeinsatz zur Analyse wirksamer Studiengangs- und Lehrformate ist möglich. Weitere validierte Verwendungszwecke sind zusätzlich in den Testbeschreibungen ausgewiesen.

Eine Übersicht der Tests hat Ihr Transferprojekt inzwischen als KoKoHs Assessment-Portfolio veröffentlicht. Für wen sind diese Tests interessant? Und wie kann ich mir als Wissenschaftlerin oder Anwender Zugang zu den Tests verschaffen?

Die Tests sind insbesondere für Hochschulleitungen, Lehrende und Qualitätsentwicklungszentren interessant. Die Steckbriefe im KoKoHs Assessment-Portfolio bieten einen strukturierten und detaillierten Überblick nach Fächern und Einsatzbereichen. Die Testinstrumente sollen zudem in Forschungsdatenzenten archiviert und damit allen Interessenten zugänglich gemacht werden. Bei allen Tests sind Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner angegeben, die beim Einsatz beraten und i.d.R. unterstützen können.

Als Professorin für Wirtschaftspädagogik waren Sie in den beiden zurückliegenden Förderlinien auch selbst an der Entwicklung von mehreren Kompetenzinstrumenten beteiligt. Welche konkreten Erkenntnisse und Maßnahmen zur Verbesserung der Kompetenzorientierung in der Lehre können die hier entwickelten Instrumente in dieser Domäne leisten?

Die Instrumente zur Kompetenzerfassung in den Wirtschaftswissenschaften stoßen auf großes Interesse und eine hohe Nachfrage seitens der Hochschulpraxis in Deutschland. Zudem wurden diese Assessments inzwischen auch in internationalen Partnerprojekten in zahlreichen Ländern adaptiert. Aus den Studien konnten wir zahlreiche Erkenntnisse gewinnen und unter anderem auch Defizite im wirtschaftswissenschaftlichen Verständnis sowie auch in den Kompetenzverläufen bei den Studierenden im Studienverlauf feststellen. So konnten z.B. bereits zu Studienbeginn Unterschiede festgestellt werden, die auch über den Studienverlauf hinweg noch weiter zunahmen – sodass wir hier frühzeitige Förderangebote zu Studienbeginn empfehlen konnten. Die Tests deutscher Studierende zeigen gute Ergebnisse, auch im Vergleich zu anderen Ländern. Hochschulen und Lehrende haben Interesse gezeigt, solche Testungen systematisch in die Lehre zu integrieren, um z.B. kontinuierlich den Stand der Kompetenzen von Studierenden valide zu erfassen und darauf ausgerichtete effektive Lehrangebote zu entwickeln.

Gemeinsam mit Herrn Professor Pant von der Humboldt-Universität zu Berlin leiten Sie das Verbundvorhaben „KoKoHs Landkarte zum Kompetenzerwerb im Hochschulbereich und den Einflussfaktoren“. Welche Ideen verfolgen Sie mit dieser Landkarte? Welche Informationen sollen mit dieser Landkarte bereitgestellt werden?

KoKoHs-Map analysiert die über die 10-jährige Laufzeit in den KoKoHs-Projekten gemachten Ergebnisse projektübergreifend, um trotz der unterschiedlichen Fächer und Kompetenzbereiche zentrale programmübergreifende Erkenntnisse zu Studierendenkompetenzen in Deutschland ermitteln zu können. In Ergänzung zu der bereits erfolgten Entwicklung und Beschreibung der Instrumente liegt der Fokus der KoKoHs-Map somit auf den inhaltlichen Ergebnissen, die beim Einsatz der Instrumente gewonnen wurden. Dabei identifizieren wir auch besonders erfolgreiche Praxisbeispiele wie auch die kritischen Befunde, die über die verschiedenen Disziplinen und (Teil)Kompetenzen hinweg gemacht wurden. In der ‚Landkarte‘ stellen wir zum einen den erfassten Kompetenzstand sowie die Entwicklung zusammen und ermitteln auch deren wichtigste Einflussfaktoren, darunter die personellen, die z.B. einen verstärkten Förderbedarf für einzelne Gruppen von Studierenden signalisieren (etwa zum Ausgleich von Geschlechter- bzw. Migrationseffekten), sowie auch die auf Hochschulebene, wie das Absolvieren bestimmter Kurse im Studium. Die Studie liefert damit Hinweise, wo in Zukunft mit gezielten Interventionen die Wirksamkeit kompetenzorientierter Lehrformate verbessert werden kann.

Aktuell findet eine Transferphase einzelner KoKoHs-Projekte statt, mit der die in den Projekten entwickelten und validierten Tests an verschiedenen Hochschulstandorten in die Praxis überführt werden sollen. Welche Schritte sollen noch vollzogen werden, um einen erfolgreichen Einsatz und eine nachhaltige Nutzung der Potentiale dieser Tests an den Hochschulen zu erreichen?

Die Transferprojekte leisten einen wichtigen Schritt, damit Kompetenztests in der Hochschulpraxis nachhaltig genutzt werden und die Kompetenzorientierung in der Hochschullehre verankert wird. Hierfür braucht es nicht nur praxistaugliche Konzepte, sondern auch effektive Anreizstrukturen in der Lehrpraxis, damit die bestehenden Instrumente nicht brachliegen. Denkbar wäre z.B., dass im Modulhandbuch festgehalten wird, über welches Instrument oder welche kompetenzorientierte Prüfungsform der Kompetenzerwerb nachgewiesen wird. Die Hochschullehrenden brauchen zudem effektive Unterstützung, um an den Einsatz von Kompetenztests herangeführt zu werden, wofür z.B. Trainingskonzepte an den Lehr- und Qualitätszentren etabliert werden könnten. Die Transferprojekte leisten einen substantiellen Beitrag zur nachhaltigen Nutzung in der Praxis. Für einen flächendeckenden Einsatz in der Hochschulpraxis bedarf es weiterer Programme wie praxisnahe Workshops zur Testkonstruktion und Nutzung, Plattformen zur Verbreitung von kompetenzorientierten Prüfungsformen und zum Austausch von Praxiserfahrungen.

In Ihrer Tätigkeit als Professorin und Projektleiterin mehrerer Forschungsprojekte arbeiten Sie mit zahlreichen Forscherinnen und Forscher aus vielen Ländern zusammen. Gab es für Sie in Bezug auf diese Kooperationen mit Hinblick auf die KoKoHs-Förderlinien ein persönliches Highlight, das besonders inspirierend war?

Das größte Highlight für mich war und ist das Interesse, das dem KoKoHs-Programm international entgegengebracht wird. Im Austausch mit den internationalen Kollegeinnen und Kollegen wurde deutlich, dass es weltweit in dieser Breite und Qualität bislang kaum ein vergleichbares nationales Forschungsprogramm gab. Das ‚KoKoHs-Modell‘ hat inzwischen den Aufbau von Forschungsprogrammen in mehreren Ländern inspiriert und auch die Testinstrumente wurden in zahlreichen Ländern adaptiert. Insbesondere wurde immer wieder die Bedeutung des Aufbaus einer neuen ‚Forschungscommunity‘ hervorgehoben, die uns mit der Nachwuchsförderung in KoKoHs gelungen ist und welche zu einer nachhaltigen Etablierung der Kompetenzforschung auch international entscheidend beigetragen hat. Die weitere internationale Zusammenarbeit ist zentral, nicht zuletzt, um die ‚Bologna‘-Ziele zu verwirklichen und auf die sich stetig ändernden Kompetenzanforderungen im 21. Jahrhundert zu reagieren.