Hochschulen im Fokus gesellschaftlicher Werteerwartungen

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Bernd Kleimann ist Leiter der Abteilung „Governance in Hochschule und Wissenschaft“ am Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) und Inhaber der gleichnamigen S-Professur an der Universität Kassel. Er forscht zu Fragstellungen aus dem Bereich der organisationssoziologischen Hochschulforschung, ihrer sozial- und kommunikationstheoretischen Fundierung sowie zu Governance-Mechanismen und Veränderungsprozessen im Hochschulsystem.

WiHo-Redaktion: Wie würden Sie das Profil Ihrer Professur mit Blick auf die Forschung beschreiben?
Bernd Kleimann: Die Professur zielt auf die Erforschung der verschiedenen Modi und Folgen der Handlungskoordination zwischen individuellen, kollektiven und korporativen Akteuren im Hochschul- und Wissenschaftssystem. Governance wird dabei nicht (nur) als hierarchische Steuerung, sondern als institutionell gerahmtes Set von Formen handelnden Zusammenwirkens verstanden (wie Wettbewerb, Hierarchie, Markt, Netzwerk oder Gemeinschaft). Zu den relevanten Akteuren gehören Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Funktionsträger*innen in Hochschulen oder auch organisationale Akteure (öffentliche und private Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, Ministerien und weitere Organisationen des Hochschul- und Wissenschaftssystems). Im Hinblick auf theoretische Grundlagen werden spezifische Governance-Regime und -instrumente sowohl mit sozial- und kommunikationstheoretischen als auch mit organisationssoziologischen und professionstheoretischen Ansätzen analysiert. Die empirische Perspektive gilt Themen wie den folgenden: Steuerung und Leitung in Wissenschaftseinrichtungen, Personalstrukturen und Personalmanagement in Hochschulen, Prozesse und Infrastrukturen der Qualitätsbewertung und -sicherung, Herausforderungen des Managements von Forschungskooperationen, Governance besonderer Hochschultypen oder Triebkräfte und Struktureffekte von Ökonomisierungstendenzen. Dieses Spektrum wird regelmäßig um aktuelle Themen erweitert. Die Professur versteht sich dabei als ein Verbindungsglied zwischen der mit Mikrodaten arbeitenden Studierenden- und Absolventenforschung auf der einen und der auf der Makro-Ebene operierenden Wissenschaftsforschung auf der anderen Seite, indem sie Wechselwirkungen zwischen den Akteure aus beiden Bereichen in den Blick nimmt – unter besonderer Berücksichtigung der Hochschulen als wissensproduzierender und -vermittelnder Organisationen auf der Mesoebene.

WiHo-Redaktion: Was ist derzeit Ihr zentrales Forschungsprojekt und welchen gesellschaftlichen Bezug hat es?
Bernd Kleimann: Die Frage ist deshalb nicht leicht zu beantworten, weil ich meist in mehrere Projekte unterschiedlichen Typs involviert bin, die ich mit Kolleginnen und Kollegen durchführe. Ich greife hier daher zwei Vorhaben heraus: Das erste setzt sich mit sogenannten „Berufungsbeauftragten“ auseinander, einem neuen Stellentypus, der im Anschluss an Empfehlungen des Wissenschaftsrates an zahlreichen Universitäten, Hochschulen für angewandte Wissenschaften oder auch Kunsthochschulen eingerichtet worden ist. Ursprünglich als Unterstützungs- und Beobachtungsinstanz für die Hochschulleitung in Berufungsverfahren gedacht, verbindet sich heute ein relativ breites Spektrum von Aufgaben und Zuständigkeiten mit dieser Position. Sie ist zudem nicht selten Teil eines umfassenderen Berufungsmanagements. Wir wollen erforschen, wie diese Stellen formal ausgestaltet sind, welchen Handlungsorientierungen die Stelleninhaber*innen folgen und wie ihre Tätigkeit von den übrigen Akteuren im Berufungsgeschehen wahrgenommen wird.

Das zweite Projekt ist stärker theoretisch-konzeptioneller Natur, wobei es die Theorieentwicklung in enger Fühlungnahme mit der empirischen Forschung vorantreibt. Hier steht die Frage im Mittelpunkt, welches Governance-Regime im Hochschulbereich eigentlich auf das New Public Management (NPM) folgt, dessen Zenit ja schon seit längerem überschritten ist. Viele Beobachtungen sprechen dafür, dass das sich derzeit abzeichnende Regime über Effizienz, Effektivität und Exzellenz hinaus vielfältige gesellschaftliche Werterwartungen mit Hilfe von Governance-Mechanismen an die Hochschulen heranträgt, von denen einige (wie der interorganisationale Wettbewerb) durch das NPM gestärkt worden sind. Ziel ist es, die Konturen dieses emergenten Governance-Regimes theoretisch und empirisch herauszuarbeiten.

WiHo-Redaktion: Wie würden Sie das Profil Ihrer Professur mit Blick auf die Lehre beschreiben?
Bernd Kleimann: Inhaltlich geht es mir in der Lehre darum, die Studierenden mit theoretischem Grundlagenwissen und wichtigen empirischen Erkenntnissen der governance- und organisationsbezogenen Hochschul- und Wissenschaftsforschung vertraut zu machen. Dadurch möchte ich sie für die Bedeutung dieses Forschungsfeldes sensibilisieren und sie zugleich für die Organisationen interessieren, in denen sie sich tagtäglich bewegen. Dies geht, so mein Eindruck, am besten über das Aufzeigen von Praxisbezügen, die Kontrastierung von Hochschulen mit anderen Organisationstypen und über eine Anbindung der Hochschulforschung an allgemeinere soziologische Perspektiven.

Über alle Themen hinweg ist es mir wichtig, die Lust an der aktiven Reflexion des Gelesenen und Beobachteten zu wecken. Nur so können Theorien und empirische Erkenntnisse gründlich durchdacht und kritisch angeeignet werden, und nur so – das ist mein eigennütziges Motiv – kommt ein interessanter, für alle Seiten herausfordernder Diskurs zustande.

WiHo-Redaktion: Wie generieren Sie neue Seminarinhalte/Vorlesungsthemen?
Bernd Kleimann: In der Vergangenheit haben sich neue Veranstaltungsthemen in der Regel aus zwei Quellen gespeist. Beide besitzen den Vorzug, sowohl für die Studierenden als auch für mich zahlreiche Lerngelegenheiten bereitzuhalten. Das eine ist die Berücksichtigung aktueller Forschungsthemen und -interessen bei der inhaltlichen Gestaltung von Lehrveranstaltungen. Dabei verknüpfe ich die aktuellen Themen mit einschlägigem Grundlagenwissen, um den Anschluss an übergreifende Wissensstrukturen des Fachs herzustellen. Die andere Quelle ist die inhaltliche Ausrichtung von Lehrveranstaltungen an den pragmatischen Erfordernissen der jeweiligen Lehreinheit. Diese Orientierung an organisationalen Bedürfnissen habe ich nicht als Einschränkung, sondern als Gelegenheitsstruktur erlebt, die es mir ermöglicht hat, neue thematische Horizonte zu erschließen und dadurch aufschlussreiche Serendipitätseffekte für meine originären Themengebiete zu erzeugen.

WiHo-Redaktion: Zum Status Quo der WiHo-Forschung in Deutschland: Worin ist sie gut? Was fehlt ihr noch?
Bernd Kleimann: Da ich nur Teile der Hochschul- und Wissenschaftsforschung überblicke, sehe ich von einer Einschätzung der Gesamtsituation ab. Für die Zusammenhänge, die ich überschauen kann, scheinen mir in Zukunft drei Entwicklungen wünschenswert:

Erstens sollte der Bindestrich zwischen der Hochschul- und der Wissenschaftsforschung noch kräftiger gezogen werden, als dies bislang der Fall ist. Es geht dabei nicht um eine Konvergenz beider Felder, sondern um die Intensivierung ihrer Zusammenarbeit. Anzustreben ist eine Ausweitung des Diskurses über die jeweiligen theoretischen Grundlagen, methodischen Weichenstellungen und epistemischen Ziele, um „boundary objects“ in Form wechselseitig anschlussfähiger Problemdefinitionen, Theoreme, Vokabulare und Projekte zu entwickeln, die es erlauben, Forschungsthemen parallel aus beiden Perspektiven anzugehen.

Zweitens erscheint es mir wichtig, die angestammten, oft noch unverbundenen Beobachtungs- und Analyseebenen (Mikro-, Meso- und Makroebene) stärker miteinander zu verschränken. Sie sollten nicht nur additiv kombiniert, sondern im Kontext übergreifender, ganzheitlich ausgerichteter Forschungsperspektiven zusammengedacht werden, ohne dabei die Vorteile von Fokussierung und Spezialisierung zu verspielen. Dies ist zweifellos eine Herausforderung für die beteiligen Wissenschaftsgebiete.

Drittens gehe ich davon aus, dass Hochschul- und Wissenschaftsforschung als gegenstandszentrierte Forschungsfelder im Rahmen ganzheitlich angelegter Forschungsprogramme noch zielgerichteter auch methodische Entwicklungsmöglichkeiten nutzen sollten, indem sie beispielsweise elaborierte, längsschnittlich orientierte Mixed Methods-Designs entwickeln. Dafür brauchen sie natürlich, was alle gute Wissenschaft braucht: Zeit.

WiHo-Redaktion: Wo sehen Sie Deutschland in der WiHo-Forschung im internationalen Vergleich? Was könnten wir von welchen Ländern lernen?
Bernd Kleimann: Hier möchte ich ganz diplomatisch antworten – ungeachtet der prinzipiellen Anerkennung des wissenschaftlichen Wettbewerbs: Es erscheint mir weder sinnvoll, die Überlegenheit der Forschung in Deutschland gegenüber anderen Ländern zu betonen, noch, einzelne Wissenschaftssysteme zu Vorbildern auszurufen, denen wir nachzueifern hätten. Vielmehr sollten wir aktiv in einem nicht nur europäischen, sondern immer stärker internationalen und globalen Netzwerk der Hochschul- und Wissenschaftsforschung zusammenarbeiten, den produktiv-kritischen Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern pflegen und so jenseits methodischer, thematischer oder theoretischer Nationalismen die durch transkulturelle Kooperation gegebenen vielfältigen Lerngelegenheiten nutzen.