Forschungsorientierung in der Studieneingangsphase

Forschungsorientierung in der Studieneingangsphase

Im Projekt „FideS – Forschungsorientierung in der Studieneingangsphase“ wurde untersucht, wie Forschungsorientierung in der Studieneingangsphase in Projekten des Qualitätspakts Lehre (und darüber hinaus) umgesetzt und wirksam wird. Im Interview berichtet das Projektteam unter der Leitung von Prof. Gabi Reinmann (HUL, Universität Hamburg) von den Forschungsergebnissen und Möglichkeiten einer praxisorientierten Weiterentwicklung des forschenden Lernens.

Mit freundlicher Genehmigung der ›Koordinierungsstelle der Begleitforschung (KoBF)‹

Beschreiben Sie bitte kurz Ausgangspunkt und Bedeutung Ihres Projektes.

Wir sind als Verbundprojekt mit dem Anspruch gestartet, zu ergründen, wie forschendes Lernen in der Studieneingangsphase von verschiedenen Disziplinen konzipiert und umgesetzt wird. Wir hatten hier vor allem QPL-Projekte zum forschenden Lernen im Blick, aber auch passende Vorhaben aus anderen Förderlinien und an Hochschulen ohne Förderung. Uns bewegte außerdem die Frage: Wie werden digitale Medien bei der Gestaltung von Lehre zur Förderung forschenden Lernens eingesetzt? Selbstredend interessierten uns auch Wirkungen und Wirkungsweisen einer solchen Lehre, ohne allerdings eigene Wirkungserhebungen durchzuführen. Stattdessen wollten wir hierzu vor allem bestehende Evaluationsdaten aus den Projekten einbeziehen.

Wie sind Sie vorgegangen?

Entsprechend den Anforderungen des Begleitforschungsprogramms haben wir die für die Forschung ausgewählten Projekte in FideS von Anfang an aktiv eingebunden. Unser Ziel war daher schon vor dem anschließenden Transfer-Vorhaben immer auch, die Lehre zur Förderung forschenden Lernens in der Studieneingangsphase in und mit unserer Forschung praktisch zu unterstützen und kooperative Beziehungen aufzubauen. Dazu haben wir die Akteure zusammengebracht, Erfahrungen aus der Lehrpraxis, empirische Befunde und theoretische Einsichten aufeinander bezogen und unsere Projektergebnisse zu didaktischen Materialien und Empfehlungen verarbeitet. Mit Projektende wollten wir mit FideS einen Grundstein dafür gelegt haben, eine Anlaufstelle für Forschungsorientierung in der Studieneingangsphase zu etablieren, an der sich Lehrende „gebend und nehmend“ beteiligen können, die bereits Studienanfänger zum Forschen motivieren und darin begleiten wollen. Für diese Ziele arbeiten wir im FideS-Verbund auch aktuell noch im FideS-Transferprojekt sehr eng zusammen. Das heißt: In FideS praktizieren wir die typische Aufteilung in weitgehend separat agierende Teilprojekte nicht.

Wer ist im Projekt FideS beteiligt?

Wir, das ist unser wissenschaftliches Team unter der Leitung von Prof. Gabi Reinmann am Hamburger Zentrum für Universitäres Lehren und Lernen (HUL) an der Universität Hamburg, der Arbeitsbereich von Ulrike Lucke, Professorin für Komplexe Mediale Anwendungsarchitekturen an der die Universität Potsdam, sowie Mandy Schiefner-Rohs, Professorin für Pädagogik mit Schwerpunkt Schulentwicklung an der TU Kaiserslautern, mit ihrem Team.

Fassen Sie bitte die wesentlichen Ergebnisse Ihres Projektes zusammen.

Zunächst geht es um die Klärung der Begriffe: Forschungsorientierung ist ein Begriff, der zu vielfältigen Deutungen einlädt. Das ist kein Makel, sondern gewissermaßen eine Notwendigkeit dafür, dass er für die Hochschullehre über alle Disziplinen hinweg verwendet werden kann. Wir sind zu dem Schluss gekommen: Lernen kann nur dann als akademisch bezeichnet werden, wenn es auf Forschung bezogen, also im weiteren Sinne, forschungsorientiert oder besser: forschungsnah ist. Damit aber sind in aller Regel mehrere und verschiedene Varianten des Lernens gemeint. Es zeigte sich, dass forschendes Lernen im engeren Sinne sehr wohl eine spezielle Variante ist und nicht zwingend gemeint sein muss, wenn Lehre als forschungsorientiert bezeichnet wird.

Zu den theoretisch wichtigen Ergebnissen von FideS gehört die Entwicklung eines eigenen Modells zur genaueren Charakterisierung forschenden Lernens (im engeren Sinne), denn: Vorhandene und verbreitete Modelle zum „forschenden Lernen“ sind meist zu ungenau oder zu breit, um mit diesen genauer zu erfassen, wie nun genau in verschiedenen Disziplinen Lehre so gestaltet werden kann, dass Studierende tatsächlich durch eigenes Forschen lernen. Das entstandene „Doppelrad-Modell“ versteht sich als Weiterentwicklung des „wheel model“ der australischen Bildungsforscherin Angela Brew. Mit diesem können wir Projekte zum forschenden Lernen nicht nur analysieren; es dient uns auch zur Validierung unserer Einschätzung in Beratungsgesprächen. Unseren Projektpartnern hilft es, ihre didaktischen Szenarien zu reflektieren, zu verändern, weiterzutragen, vielleicht auch zu verstetigen.

Und was haben Sie zur Wirkung forschenden Lernens herausgefunden?

In Bezug auf die Wirkungen forschenden Lernens in der Studieneingangsphase haben wir andere als die erwarteten, aber nichtsdestotrotz praktisch relevante Erkenntnisse in FideS erzielt: Es zeigte sich nämlich, dass sich Hochschulen schwertun, Lehre zur Förderung forschenden Lernens zu evaluieren, um auf diesem Wege etwas über die Wirkungen aussagen zu können. Entsprechend war auch uns dieser Weg versperrt. Auf der Basis eigener Literaturanalysen und Recherchen bei den Projekten aber haben wir Erkenntnisse dazu generiert, wie eine praktikable Evaluation bzw. Wirkungsforschung im Kontext forschenden Lernens aussehen könnte, in der man insbesondere auch berücksichtigt, dass Forschungsorientierung in der Studieneingangsphase recht verschiedene Ziele verfolgt. FideS konnte zwar folglich keine Antwort auf die Frage geben, „was forschendes Lernen generell bringt“. Jedoch kann FideS den Praxispartnern mit der erarbeiteten Metaperspektive dabei helfen, genau dies – bezogen auf die jeweils gesetzten Ziele – selbst herauszufinden.

Wie sieht die Verknüpfung forschenden Lernens mit digitalen Medien aus?

Als wir mit FideS begannen, starteten bundesweit zahlreiche Digitalisierungsinitiativen für die Hochschullehre. Wir waren überzeugt davon, dass es möglich und fruchtbar sein würde, Forschungsorientierung und Digitalisierung zusammen zu bearbeiten – zumal da Forschen heute selbst schon vielfach digitale Medien nutzt. Uns war allerdings durchaus bewusst, dass hochschuldidaktische und mediendidaktische oder -technische Fachgemeinschaften bislang wenig kooperieren. Trotzdem hat uns dann doch das Ausmaß der Distanz zwischen beiden überrascht, das wir im ersten Projektdrittel ermittelt hatten: Projekte zum forschenden Lernen in der Studieneingangsphase arbeiten entweder gar nicht oder nicht gezielt mit digitalen Medien.

Da es also keinen „Ist-Zustand“ gab, den wir hätten analysieren können, haben wir uns mit möglichen Soll- Zuständen beschäftigt, denn: Wir sind nach wie vor überzeugt, dass digitale Medien in nahezu allen Phasen forschenden Lernens an Hochschulen ein großes Potenzial haben.

Was planen Sie hinsichtlich dieses Soll-Zustands im Projekt FideS Transfer?

Auf Konzepten aus FideS aufbauend wird nun im FideS-Transferprojekt vor allem die App „FL-Trail“ weiterentwickelt, die Prozesse im forschenden Lernen unterstützt: Dazu gehört etwa die Möglichkeit, Studierende automatisch Gruppen zuzuordnen und den Forschungsprozess mit Peer-Review und Peer-Assessment zu unterstützen. Die App stellt also eine begleitende Unterstützung für Lehrende über den gesamten Forschungsprozess zur Verfügung.

Im FideS-Transfervorhaben unterstützen wir Projekte forschenden Lernens zusätzlich mit der Entwicklung von Fallvignetten, in denen wiederkehrende Probleme und Lösungsstrategien beim forschenden Lernen auf intuitive Weise präsentiert werden. Materialien (bspw. Beratungsbögen, Reflexionsleitfäden), die wir in FideS bei unseren Projekten eruiert haben, werden derzeit aufbereitet und in Form einer digitalen Materialsammlung für Lehrende, Projektkoordinatorinnen und Hochschuldidaktiker aufbereitet.

Welche zentralen Empfehlungen vom Projekt FideS möchten Sie den Kolleginnen und Kollegen in der Hochschuldidaktik geben?

Wollte man eine wesentliche Botschaft formulieren, die sich aus dem FideS-Projekt ableiten lässt, dann ist es die: Forschendes Lernen von Anfang an lohnt sich. Haben Sie Vertrauen (lat. fides) in die Fähigkeit der Studierenden, bereits in frühen Phasen des Studiums forschend tätig zu werden.

Wo sind die Projektergebnisse zu finden?

Unser FideS-Blog http://fides-projekt.de/ wird als Landing Page für Materialsammlung, digitale Instrumente und Fallvignetten ausgebaut. Dort findet man auch Webinare, Projektberichte und wissenschaftliche Zeitschriftenartikel zu unserer Arbeit. Darüber hinaus gibt es einen Sammelband mit unseren Erkenntnissen und einen Herausgeberband zum Thema Forschendes Lernen in der Lehrerbildung.

Unser FideS-Buch „Forschendes Lernen in der Studieneingangsphase“ teilt sich in drei Abschnitte: Erstens werden empirische Erkenntnisse zu forschendem Lernen in der Studieneingangsphase vorgestellt. Zweitens werden ermutigende Projekte präsentiert, die es wagen, forschendes Lernen von Beginn an durchzuführen. Drittens sind Expert*innengespräche zu besagtem Thema abgedruckt.

Der Herausgeberband Forschungsnahes Lehren und Lernen in der Lehrer*innenbildung unternimmt in zwei Teilen den Versuch, Forschungszugänge wie auch hochschuldidaktische Konstruktionen des forschenden Lernens vorzustellen und einzuordnen. Außerdem werden konzeptionelle Entwicklungslinien und fachdidaktische Zugänge abgesteckt. Dabei kommen nationale wie auch internationale Stimmen zu Wort.

Oldenburg, September 2019