Big Data und maschinelles Lernen für eine evidenzbasierte Wissenschaftspolitik

Guido Bünstorf

Guido Bünstorf ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Leiter des Fachgebiets Wirtschaftspolitik, Innovation und Entrepreneurship an der Universität Kassel. Zudem ist Bünstorf seit Juli 2016 stellvertretender Direktor des INCHER-Kassel. Seine Forschungsinteressen liegen im Bereich Industrial Dynamics und Entrepreneurship, Innovations- und Wissenschaftsökonomik sowie der Regionalökonomik.

WiHo-Redaktion: Was ist derzeit Ihr zentrales Forschungsprojekt und welchen gesellschaftlichen Bezug hat es?
Guido Bünstorf: Wir untersuchen die Karriereverläufe promovierter Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler innerhalb und außerhalb der Universität. Der wissenschaftliche Nachwuchs ist von zentraler Bedeutung für die Entwicklung des Wissenschaftssystems. Er stellt aber auch einen der wichtigsten Kanäle dar, über den neues Wissen aus der Wissenschaft in Wirtschaft und Gesellschaft fließt. Die adäquate Beschäftigung Promovierter ist Voraussetzung dafür, dass ihr Wissen und ihre Fähigkeiten optimal genutzt werden. Damit ist sie auch von zentraler Bedeutung für wissenschaftlichen Fortschritt und Innovation. Unsere Untersuchungen beruhen auf der Verknüpfung und Auswertung großer Datenmengen, insbesondere Arbeitsmarkt-, Publikations- und Patentdaten, mit Hilfe komplexer Algorithmen und Verfahren des maschinellen Lernens.

WiHo-Redaktion: Wie kam es, dass Sie sich mit Wissenschafts- und Hochschulforschung beschäftigt haben? Gab es ein zentrales Ereignis/eine bestimmte Erfahrung?
Guido Bünstorf: Während meiner Promotionszeit war ich bei der Max-Planck-Gesellschaft beschäftigt. Dadurch wurde Anfang der 2000er Jahre mein Interesse an den gesellschaftlichen Effekten der universitären und außer-universitären Forschung geweckt. Zugleich bekam ich Zugang zu detaillierten Daten über den Wissens- und Technologietransfer aus der Max-Planck-Gesellschaft. Mit Hilfe dieser Daten konnte ich Fragen zu Patenten und Lizenzen adressieren, die sonst nur für die USA erforscht wurden. Nach meinem Wechsel an die Universität Kassel und in der Diskussion mit Kolleginnen und Kollegen am INCHER-Kassel erweiterte sich das Spektrum meiner Interessen immer weiter in die Wissenschafts- und Hochschulforschung hinein.

WiHo-Redaktion: Wie würden Sie das Profil Ihrer Professur mit Blick auf die Lehre beschreiben?
Guido Bünstorf: Meine Lehre orientiert sich eng an meinen Forschungsinteressen. Es ist mir wichtig, Studierenden zu vermitteln, wie Wissenschaft funktioniert und auf welcher Grundlage die Inhalte stehen, die in den Lehrveranstaltungen vermittelt werden. Dabei versuche ich, den Studierenden zu zeigen, dass man auch mit einfachen – in meinem Fall hauptsächlich ökonomischen – Konzepten und Erkenntnissen zu neuen und häufig überraschenden Einsichten in Alltagsfragen und aktuellen politischen Problemen kommen kann.

WiHo-Redaktion: Wenn Sie die freie Wahl hätten: an welcher Universität im Ausland würden Sie gern arbeiten? Warum?
Guido Bünstorf: Als Wissenschaftler, der sich im „Hauptberuf“ mit Innovation und Entrepreneurship beschäftigt, fällt die Wahl fast zwangsläufig auf das Silicon Valley. Dort arbeitet man gewissermaßen mitten im innovationsökonomischen Experimentallabor. Hinzu kommt, dass die dortigen Universitäten in meinen Interessengebieten zur Weltspitze gehören. Daher: Stanford oder Berkeley.

WiHo-Redaktion: Wo sehen Sie Deutschland in der WiHo-Forschung im internationalen Vergleich? Was könnten wir von welchen Ländern lernen?
Guido Bünstorf: Insgesamt scheint mir die deutsche Forschung im internationalen Vergleich sehr gut entwickelt. Ich halte es aber für zentral, dass wir unsere empirische Basis verbreitern. Nicht zuletzt durch den vergleichsweise restriktiven Zugang zu administrativen Daten fokussiert sich die empirische Forschung in Deutschland sehr stark auf Befragungen. Dies schränkt die Möglichkeiten für Längsschnittstudien und belastbare Aussagen über Ursache-Wirkungs-Beziehungen erheblich ein, was wiederum unser Potenzial zur Politikberatung begrenzt. Andere Länder wie etwa Dänemark und Schweden sind uns in der Nutzung administrativer Daten deutlich voraus. Diese Beispiele zeigen auch, dass eine solche Datennutzung auch auf der Ebene individueller Akteure durchaus mit einem stringenten Datenschutz vereinbar ist.

WiHo-Redaktion: Was sind aus Ihrer Sicht die zentralen Themen der kommenden Jahre in der WiHo-Forschung?
Guido Bünstorf: Zentrale Herausforderung für die Wissenschafts- und Hochschulforschung ist zu verstehen, wie sich die Produktion von Wissen und die Ausbildung von Studierenden durch technischen, vor allem aber auch organisationalen Wandel verändert. Wir erleben derzeit drastische Veränderungen in der Governance von Forschung und Lehre, insbesondere durch die Globalisierung der Wissenschaft, den intensiveren Wettbewerb um Ressourcen und Reputation sowie die zunehmende Konzentration von Steuerungskompetenzen beim Hochschulmanagement. Hinzu kommen Herausforderungen des digitalen Wandels. Zugleich stehen uns neue Daten und Methoden zur Verfügung (Stichworte: Big Data und maschinelles Lernen), um die Auswirkungen dieser Veränderungen zu untersuchen. Die Nutzung dieser Daten und Methoden bietet uns perspektivisch ein solides Fundament für eine stärker evidenzbasierte Wissenschaftspolitik und ein stärker evidenzbasiertes Wissenschaftsmanagement.